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5. November 2008 3 05 /11 /November /2008 09:57
Gestern rief mich eine Freundin an, sie musste mir unbedingt von ihrem letzten Theaterbesuch erzählen. Sie lebt in Hamburg. Und da gab es ja am Schauspielhaus eine Premiere. Eine von der besonderen Art. Schon vor der Aufführung gab es Probleme, denn der Suhrkamp Verlag hat Peter Lösch, der für die Inszenierung verantwortlich ist, untersagt, den ursprünglichen Titel "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" zu verwenden. Also wurde der Titel abgeändert in "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?"

Lösch hat die Psychiatrie-Insassen bei Peter Weiss durch einen Laienchor ersetzt, bestehend aus 20 Opfern von König Hartz dem Vierten. Am besten hat meiner Freundin der Epilog gefallen.

Da verliest der Hartz-IV-Laienchor eine Liste der reichsten Familien in Hamburg: Name, Vermögen und Privatadresse, schön langsam zum Mitschreiben. Die Kultursenatorin Karin von Welck hat auch versucht, vor der Premiere auf die Inszenierung Einfluss zu nehmen. Grund: Da würden Einzelpersonen an den Pranger gestellt. Der Intendant konterte: "Wir stellen niemand an den Pranger. Wir zeigen arme Menschen, und wir benennen Reichtum. Aus, fertig."

Vier Hamburger Millionäre wehrten sich dagegen, dass ihre Namen bei der Premiere verlesen werden. Stattdessen wurde aus den Briefen von deren Anwälten zitiert. Die Identität wurde aber trotzdem gelüftet, die Informationen stammten nämlich aus der Liste der 300 reichsten Deutschen, die das "Manager Magazin" veröffentlicht.

Ich fragte meine Freundin, wie ihr das Stück gefallen habe. Sie meinte, es habe sie sehr bewegt, vor allem der Schluss. Da kam der Kontrast zwischen Arm und Reich richtig raus. Sie sei sehr nachdenklich nach Hause gegangen.

Ich sehe das auch mit meinen schamanischen Augen. Zugegeben, auch bei den Nomaden in der mongolischen Steppe gab es Arme und Reiche, aber die Kluft dazwischen war nie so unüberbrückbar wie in Deutschland. Wenn die 100 Superreichen in Deutschland über mehr Vermögen verfügen als diese Bundesrepublik in einem Jahr ausgeben kann, dann stimmt etwas nicht in diesem Land. In der Sippe wurde zusammengehalten, sonst hätte die Sippe nicht überleben können. Alle waren aufeinander angewiesen.

Dies haben wohl die wenigen Superreichen vergessen. Wenn ich z. B. an die Familie Otto denke, wie konnte sie ihr Vermögen anhäufen? Doch auch, weil es viele KundInnen des Otto-Versandes gibt ...


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  • : Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
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