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13. November 2012 2 13 /11 /November /2012 23:00

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Diesen Alarmschrei hat es wirklich gegeben. Meine "Mutter" stieß ihn jedesmal aus, wenn Besuch im Anmarsch war. Kein Wunder, wenn nichts Ordentliches zu Essen im Haus war. 

Bevor Muttern krank wurde, fuhren sie und mein Vater oft abends weg. Und kamen nach der Abendbrotzeit zurück. Ich stöberte dann immer ratlos in der Küche herum. Von Mutterns rohen gekeimten Getreide-Pamps musste ich kotzen. Blieb noch das fade graue Diätbrot, dieser weißliche Margarinewürfel und das fürchterlich müffelnde Schälchen Kochkäse. 

Vatern hatte zwar für sich selbst rohen Speck, Zwiebeln und "Stinkekäse". Mit diesem Stinker konnte man spielend einen ganzen Bus entvölkern, wenn man den auspackte. Und der Speck? Der wurde, der Ersparnis wegen, immer in größeren Mengen gekauft und "ranzte" dann vor sich hin. 

Das mit dem Gammelgestank legte sich, als auch Muttern die Tupperware für sich entdeckte. Seither tauchte regelmäßig diese Tante mit den Tupper-Töpfen bei uns auf und schwatzte ihr sämtliche Neuheiten auf. Andere Leute haben in der Küche auch Nahrungsmittel oder das gute Porzellansevice. Bei uns quollen die Schränke über von diesen Plastiktöpfen. 

Wer arglos so eine Schranktür öffnete, dem kam eine ganze Lawine von den Dingern entgegen. Aber wozu brauchte Muttern all diese Behältnisse? Zum Essen aufheben wohl kaum. Sie kochte immer so knapp, dass der Magen auch nach dem Essen noch knurrte. 

Halt, nein! Für eine Sache waren die Tuppertöpfe ideal. Falls sich für Sonntags Besuch ankündigte, konnte sie den Aufschnitt darin lagern. 

Und sonst? 

"Lauf schnell zum Schlachter, Diekmanns kommen! Wir brauchen noch Aufschnitt! Und bring auch gleich Käse mit! Hier ist das Geld!" 

Dann zockelte ich eben los. Wir wohnten oben an der Stoddartstraße, und nur dreihundert Meter weiter war schon der Metzger. 

Natürlich blieb ich dabei erstmal an der Ponyweide stehen. Ich begriff es einfach nicht: Da hatten Kinder so einen schönen gescheckten Ponywallach bekommen. Der interessierte sie aber nicht, "Mucki" stand immer nur gelangweilt in seiner Koppel. Keiner machte etwas mit dem Kleinen. Da passten schon die Kinder und ihre Eltern auf, dass man ihn nur ja nicht anfasste. Wenigstens konnten sie mir das Anschauen nicht verbieten. 

Zwischen Ein-Und Zweifamilienhäusern gab es den Schlachter Baumann. Der hatte seine Metzgerei direkt am Haus. Und auch die große Garage mit dem geriffelten Fliesenboden. Da drin stand sein Verkaufswagen, er fuhr nämlich auf die Wochenmärkte. Und zweimal in der Woche ging das große Tor von seiner Garage auf, der Verkaufswagen wurde aufgeklappt und die Pivitsheiderinnen strömten mit ihren Einkaufstaschen herbei. Das Geschäft florierte. 

Darum standen ausser den Verkäuferinnen auch die hagere, hochnäsig wirkende Chefin und ihr Mann mit im Wagen. Herr Baumann sah mit seiner bulligen Statur und den gewaltigen Armen aus wie so ein Ringkämpfer vom Rummelplatz. Dabei hatte er das reinste Kindergemüt. Ich freute  mich immer, wenn er mich bediente. dann bekam ich nämlich stets eine lange Bockwurst zum gleich-essen in die Hand gedrückt. 

Ein Wunder, bei Mutterns mickrigem Einkauf. Ich fühlte imch immer reichlich bescheuert, wenn ich "hundert Gramm gemischten Aufschnitt bitte" sagte. Die Chefin schnappte dann jedesmal: "Und? Darfs sonst noch etwas sein?" 

Herr Baumann dagegen lachte, packte mir sorgsam die vier (manchmal auch fünf) Scheiben Aufschnitt ein, vergaß auch die erhoffte Bockwurst nicht und fragte augenzwinkernd: "Heute kommt wohl wieder Besuch?" 

Der kam auch wirklich, der Besuch. Und wieder mal JUST THE SAME PROCEDURE AS EVERY TIME. 

Wenn das Leben eine Schallplatte wäre, gäbe es da verschiedene Rillen, auf denen der Tonarm bei bestimmten Ereignissen hängen bleibt. 

Das Besucherpaar nahte, wurde durch die große Diele mit dem weißen Marmorboden und den wuchtigen Gutshaus-Angeber-Möbeln ins Wohnzimmer geleitet. Erfahrener Besuch kam aus gutem Grund erst NACH dem Kaffee. Der Besuchs-Bohnenkaffee verlor nämlich - der wenigen Besucher wegen - bald auch den letzten Rest an Aroma und Geschmack. Zurück blieb so eine Art ehrwürdiger Muff. Und Mutterns Torten mit den Billigtortenböden und dem sparsamen Belag waren auch nicht gerade sättigend. Dabei brauchte der Besuch einen wohlgefüllten Magen, um das Abendbrot mit Haltung zu überstehen. 

Zu diesem Zweck begab man sich in das Esszimmer nach Gutsherrenart und dem rutschigen Parkettboden. Um den schweren Tisch standen wuchtige Stühle und eine Eckbank mit reliefartig gewebtem "Landhausmuster". Um den guten Eindruck wieder wett zu machen, lagen auf Stühlen und der Bank selbstgenähte Sitzkissen. Die sollten das schwülstige Polster vor Abrieb schützen. 

Der mit dem Angebergeschirr gedeckte Tisch wirkte durchaus einladend. Allerdings fehlte es irgendwie an Essbarem. Die bewussten fünf Aufschnittscheiben waren so auf eine Bratenplatte drapiert, dass man Hemmungen bekam, etwas davon zu nehmen. Die Lücke im "Angebot" wäre zu riesig. Dann gab es noch Käsescheiben, genauso malerisch drapiert. Nur dass es auch hier an der Fülle mangelte. Mehrere Scheiben Paderborner Landbrot, Butter und ein Schälchen Mixed Pickles vervollständigten die aufgetischten Herrlichkeiten. Auch die Limonade der Brauerei Strate wirkte nicht unbedingt verschwenderisch. 

Das Essen erinnerte mich schon wieder so fatal an Loriot. Die Besucher trauten sich kaum, etwas zu nehmen. Immer wieder versicherten sie wenig glaubhaft mit hungrigen Augen: "Normalerweise essen wir abends nicht mehr". Sie warteten hoffnungsvoll darauf, dass Vatern endlich mit dem Essen anfing, damit sie vielleicht doch noch etwas in den Magen bekämen.  

Kein Wunder, dass wir so selten Besuch Hhtten. Die meisten waren bestimmt auf dem Heimweg verhungert.

Loriot - Kosakenzipfel
Hochgeladen von brotkasten2null am 23.12.2010

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Kommentare

Moira 11/14/2012 20:47


Am Essen wurde bei uns zu Hause nie gespart.Es war immer genügend vorhanden.


Da meine Eltern Nachkriegskinder sind, war auch ihnen wichtig, kein Essen wegzuwerfen.


 


Mein Freund macht sich immer lustig darüber, wenn jemand 1 Stück Melone oder 2 Tomaten kauft.


Naja, in seiner Heimat (Jordanien) bekommt man für ca 50 Cent eine große Kiste Tomaten.


Da schämen sich die Leute, weil sie den Verkäufer in die mißliche Lage bringen würden, ihnen "das bißchen" schenken zu müssen, weil es umgerechnet nur Pfennigbeträge ausmachen würde,wenn sie zB 2
Tomaten kaufen würden.


 


Aber die wenigsten haben dort das Problem:


Gastfreundschaft wird dort nämlich großgeschrieben und Familie auch:


Ein ordentliches, leckerschmeckendes und sättigendes Essen für die ganze Familie und den Besuch ist selbstverständlich obwohl die meisten Menschen wesentlich ärmer sind als wir hier in
Deutschland.

Kiat Gorina 11/14/2012 22:16



Gastfreundschaft ist in anderen Ländern großgeschrieben - da kann es vorkommen, dass bei armen Menschen für die Gäste das letzte Huhn geschlachtet wird ...



Katharina vom Tanneneck 11/13/2012 23:50


Ich kenne das auch noch von früheren Zeiten. Meine Eltern hatten ein Lebensmittelgeschäft mit Metzgereiabteilung und da kam es oft vor, dass mal 100 g Aufschnitt gekauft wurde. Komischerweise
waren das Leute, wo man Geld vermutete. Da wo man kein Geld vermutete, die kauften schon mal mehr.


Ich mußte zum Glück nie hungern in jungen Jahren und später auch nicht. Aber wir wurden noch so erzogen, dass es eine Sünde war, Essen weg zu werfen. Damals wurde alles aufgegessen und nichts weg
geworfen. Noch heute bemühe ich mich darum, wenn es auch nicht immer klappt. 

Kiat Gorina 11/14/2012 01:16



Für mich war stets selbstverständlich, dass Essen etwas Kostbares ist. Und deshalb lasse ich mich nie beim Essen stören. Und Essbares wegwerfen? Das kam für mich nie in Frage! Und auch heute noch
nicht.



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