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18. Mai 2013 6 18 /05 /Mai /2013 09:57

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Das fragte uns der Verkäufer bei Quelle mit ungläubigem Staunen. 

“Ja, das sagte ich bereits”, krähte Vatern militärisch los, “weil meine Tochter uns sonst die Lebensmittel stiehlt!” 

Anklagend wies er auf meine klapperdürre Figur mit den Häkelnadelbeinen. Das Staunen wurde noch größer, aber der Verkäufer hatte sich gut im Griff. 

“So etwas führen wir leider nicht. Und soviel ich weiß, gibt es zwar abschließbare Kühltruhen, aber eben keine abschließbaren Kühlschränke ….” 

Mit einem schallenden “Hachchch!” verließ Vatern mit mir im Schlepptau den vermeintlich schlecht sortierten Laden. Uff! Ich war erleichtert. Den neuen Kühlschrank sollte nämlich ICH bezahlen! Keine leichte Aufgabe von monatlich 5 (in Worten: fünf) DM Taschengeld! 

Wie es dazu kam? 

Meine “Eltern” pflegten oft auswärts zu essen, entsprechend wenig zu futtern fand sich bei uns zu Hause. Für meinen Halbbruder Wotan backte Muttern jede Woche extra einen Marmorkuchen. Wenn der gute Junge zu Hause war, sollte er doch etwas Gutes bekommen. Zumal er sich hauptsächlich von Kaffee und eben jenen Marmorkuchen ernährte. Der Kuchen wurde natürlich oben auf dem Küchenschrank aufbewahrt, damit ich nicht so einfach dran kam. Wotan mit seinen über zwei Metern Länge konnte natürlich spielend hinauflangen. 

Ich habe nur einmal versucht, an den Kuchen zu kommen. Das hat mir für immer gereicht! Wir hatten in der Küche so kleine kippelige Hocker, auf denen wir beim Essen hockten wie Hühner auf einer zu schmalen Stange. Diese Luxussitze waren nachträglich mit verdammt glattem Kunststoff bezogen. Wahrscheinlich, damit sich keine “pösen” Bazillen drauf ansiedelten. 

So, da stand ich mit knurrendem Magen unten in der Küche, und auf dem Schrank thronte verlockend der Marmorkuchen. Also los: Hocker an den Schrank stellen, Schuhe ausziehen, vorsichtig auf den a...glatten Hocker turnen und nach der Kuchenglocke angeln. Geht doch ganz einfach - dachte ich! 

Ich kam ins Rutschen - und hielt mich ausgerechnet an der Kuchenglocke fest. Wie in Zeitlupe brach der ganze schöne Aufbau zusammen. Das Küchenbuffet und der Tisch bremsten meinen Absturz zum Glück etwas ab. Da lag ich am Boden, mit dem zu Bruch gegangenen Marmorkuchen und den Resten der Kuchenglocke garniert. 

Das wurde später geklebt. Die Kuchenglocke, nicht der Kuchen. 

Das Unglück war geschehen, meine Abreibung würde ich so oder so bekommen, da konnte ich mich erst mal dem Kuchen widmen. Dass mir so ziemlich alles furchtbar weh tat, habe ich komischerweise erst nach dem Probieren gemerkt. 

Gierig schob ich mir einen riesigen Brocken Kuchen in den Mund und - ja, sapperlot! Hatte ich versehentlich in einen sandigen Putzlappen gebissen? Muttern hatte den Kuchen erst am Morgen gebacken. Wieso war er dann so staubig-trocken. Können Kuchen denn so schnell austrocknen? Jetzt war mir auch klar, warum Wotan sich so oft ein halbes Dutzend Eier in die Pfanne schlug. Zu meinem Unglück! 

Wenn meine Eltern zurückkamen, pflegten sie immer ein Gläschen Brottrunk zu sich zu nehmen, zur Förderung ihrer Gesundheit. Der Brottrunk stand aber im Kühlschrank … 

Muttern öffnete denselben und dann: Adolf! Adolf, Komm schnell und sieh dir das an! Deine missratene Tochter hat schon wieder Lebensmittel gestohlen! Wo soll das nur hinführen?  Bald stiehlt sie unser Geld und meinen Schmuck. Und dann versucht sie bestimmt, uns umzubrigen! Tu doch was, Adolf! Das wird ja immer schlimmer mit dem kriminellen Luder! Sie muss ins Heim für schwer erziehbare Kinder! So kann das nicht weitergehen! …. Usw. usw. 

Muttern schien das Strafgesetzbuch auswendig zu können, so viele fürchterliche Verbrechen fielen ihr wieder einmal ein. Dann begann das übliche “Trommelkonzert” mit Schlappen und Kochlöffel. Dazu natürlich Zimmerarrest und kein Essen, weil durch meinen vermeintlichen Eierdiebstahl der Rest der Familie am Hungertuch nagen musste. 

Vatern wollte Abhilfe schaffen. Er beschloß, den Kühlschrank mit einem Schloss zu verbarrikadieren wie bei seinem Telefon. Wir hatten damals einen uralten stabilen Kühlschrank ,der noch so eine bauchige Tür hatte. Den wollte Vatern nun in eine Festung verwandeln. 

Der Kühlschrank war aber noch alte Qualität und widersetzte sich erfolgreich den Umbauversuchen. 

Vatern bekam einen Wutanfall, dem der arme Kühlschrank nicht gewachsen war. Er hauchte an diesem Abend sein langes Leben aus. 

So musste ein neuer Kühlschrank her. Dafür wurden dann die Küchentür und die Tür zur Essecke abgesperrt. Vatern, Muttern und Wotan hatten einen Schlüssel dafür. Der Eierschwund hielt trotzdem an. 

Das Problem mit der versperrten Küche löste sich auch erstaunlich schnell: Muttern bekam Besuch und wollte etwas zu trinken kredenzen - aber sie hatte ihren Küchenschlüssel verlegt …

Der Nutzer Franz Sadjak veröffentlichte ein Video über einen schlauen KAter, der sogar Kühlscränke öffnen kann:

Schlauer Kater öffnet selbst den Kühlschrank
Veröffentlicht am 14.04.2012 von Franz Sadjak

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Kommentare

Klaus Kleber 05/19/2013 22:46


Es erscheint mir nicht unmöglich ,sondern nur unwahrscheinlich zu sein.Es gibt da für mich mindestens 3 unklare Faktoren.Warum wirst du von denen in die Familie geholt und darfst dann nichtmal
was essen , wenn die Geld haben um fast jeden Tag auswärts zu essen?Auch ist Kuchen den dein Bruder bekam nicht gerade billiger als Brot.Das du anders behandelt wurdest gibt es überall, alleine
schon weil du ein anderes Geschlecht hast wie dein Bruder.Das Eltern rumnörgeln und dir was verbieten ist auch nicht ungewöhnlich auch wenn die extrem waren.Das du halb verhungerst fällt doch auf
wenn du jeden Tag in die Schule musstest.Ich kenne Storys von Kindern aus Exjugoslavien wo Kinder noch in Strohsäcken schlafen mussten,das Essen sparen sich Eltern für ihre Kinder aber meist
sogar vom eigenen Munde ab.Kann es sein das du in eine Pflegefamilie gesteckt wurdest ,die nur die Beihilfe für dich vom Amt bekommen wollte?Hättest du dann nicht bei der Tante vom Jugendamt was
sagen können?Ich habe heute eine Frau kennengelernt ,die als Kind 4 Jahre nicht lesen konnte was an der Tafel steht und es den Lehrer nicht begreiflich machen konnte,das sie kurzsichtig war.Heute
ist die fast 60 und fällt einen immer ins Wort,also das totale gegenteil.

Heike 05/19/2013 09:45


Es gibt eben Menschen, wenn die selbst noch nichts "verrücktes" Erlebt haben, können sie sich dies nicht vorstellen. Sicher es gibt Menschen, die denken sich dass nur aus - aber du nicht!


Und auch wenn ich viel Fantasie habe, habe ich trotzem schon einige "eigenartige" Dinge erlebt, die manchmal sogar irrer sind als die Fantasie. So wie dieser "liebe" alte Mann (wenn er auch erst
60 Jahre war wirkte er wie mindestens 70 Jahre!) der nach Sandmännchen schlafen gehen mußte, vordergründig "Liebenswürdig" war aber ein gehässiges Ar…och war. Die Geschichte ist nicht erfunden.
Oftmals entstehen Drehbücher auch nach realen Erlebnissen.

Kiat Gorina 05/19/2013 11:40



Stimmt! Das Leben schreibt oft die unglaublichsten Geschichten 



Leselotte 05/19/2013 09:37


Liebe Kiat, ich bin sehr froh, dass Du das (und noch so einiges, was mir aus Deinem Buch bekannt ist) überlebt hast. Was Menschen einander antun können, ist einfach fürchterlich. Wenn Klaus
Klebers Erfahrungshorizont oder Einfühlungsvermögen dort nicht hinreicht, kann ich das nachvollziehen.


 

Kiat Gorina 05/19/2013 11:37



Das passt halt nicht in sein Weltbild 



Klaus Kleber 05/19/2013 03:56


Naja,heutige Jugendliche haben eher das problem mit Übergewicht oder Magersucht.Es gibt aber schon ewig Kühlschränke mit Schloss.Wieviel Prozent von deiner Geschichte soll man eigendlich für bare
Münze nehmen?

Kiat Gorina 05/19/2013 08:31



Was abschließbare Kühlschränke angeht, die Quelle hatte jedenfalls keinen. Und mein Vater kaufte nur dort 



Katharina vom Tanneneck 05/18/2013 23:29


Liebe Kiat,


ich habe noch nie in meinem Leben hungern müssen und ich kann es einfach nicht verstehen, dass erwachsene Menschen, Kinder hungern lassen. Dein Vater ist da wirklich kein Vorbild gewesen! Mit
Stiefmüttern kann es schon mal passieren, da sie äußerst eifersüchtig auf die Kinder einer anderen Frau sein können. Aber es gibt auch gute Stiefmütter, die nur das Beste wollen.


Ich habe hier meine Tiere und wenn es mal große Not geben sollte, dann würde ich selbstverständlich mit ihnen teilen. Cleo kann sich selbst kein Futter beschaffen, Cäsar dagegen schon!


Ein Kind darf man doch nicht hungern lassen und zu dieser Zeit gab es doch überall genug! 


Trotz allem, Dir und Deinem Bär ein wunderschönes Pfingstfest!

Kiat Gorina 05/19/2013 00:27



Euch wünsche ich auch ein frohes Pfingsten!


Was den Hunger angeht, ich hatte ja keine Ahnung, was in Deutschland so abläuft. Also habe ich anfangs gemeint, das sei in allen deutschen Familien so ...



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