Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Unlängst hatte ich wieder einmal Besuch von einer "Expertin" - mittlerweile erkenne ich solche Menschen an ihrem Blick.
Flackernde Augen, sie streifen übers Gelände, übers Gemäuer und sind immer auf der Suche nach Anzeichen für Schlimmes. So auch diese Frau. Sie streifte und streifte mit ihren Augen - halb zugekniffen - durch die Botanik. Da blieb sie hängen, am Ufer des Fischteiches.
"Vor Jahrzehnten ist hier etwas Schreckliches passiert!" stieß sie hervor.
"Wann soll das gewesen sein?"
"Vor sechzig Jahren."
"Und was ist passiert?"
"Da lag eine Frau im Liegestuhl am Ufer. Ihr kleine Tochter spielte am Ufer und fiel ins Wasser. Die Frau wollte ihrer Tochter zu Hilfe eilen, aber sie konnte nicht schwimmen. Sie schrie um Hilfe. Bis jemand kam, war es für ihre Tochter zu spät."
"Hmm, vor sechzig Jahren war das? Das muss dann so um 1950 herum gewesen sein. Also, da kann ich mir nicht vorstellen, dass da jemand im Liegestuhl am Fischteich liegt ..."
"Doch genauso war es! Und die Seele der Tochter muss ins Licht geführt werden!"
"Also, was mir die alten Leute im Dorf erzählt haben, damals gab es keinen großen Fischteich, sondern nur einen kleinen Bach, da hätte die Frau reinsteigen und ihre Tochter retten können."
Da war die Frau verschnupft. Aber sie hörte nicht auf zu gucken. Dann wollte sie sich verabschieden. Und sie machte mir einen Vorschlag: "Ich mache Fotos oben vom Berg aus, ich spüre, dass von deinem Acker etwas Unheilvolles ausgeht. Ich sagte ihr, das sei zwar der Acker meines Nachbarn, aber der habe gewiss nichts dagegen, wenn sie Fotos macht.
Gesagt, getan. Am nächsten Tag rief sie mich an: "Ich habe recht gehabt! Nachdem ich die Fotos auf meinen PC überspielt hatte, sah ich sie mir an. Da entdeckte ich ein böses Zeichen. Ich habe es markiert und maile dir das Foto."
Und so geschah es: Ich schaute mir das Foto an. Was sie markiert hatte, war ein Schutztrichter für den Anschluss der Antriebswelle für ein Ackergerät. Der Trichter ist aus Plastik. Und so ein Teil ist abgefallen und der Bauer hat es nicht gemerkt. Dann wurde drüber geackert und es schaute nur noch die Hälfte heraus. Ich rief sie an und sagte es ihr.
"Gell, das schaut richtig gruselig aus? So wie eine Öffnung der Hölle?! Das ist sicher ein ganz böses Sigill!"
"Das finde ich nicht. Wie ein altes kaputtes Ersatzteil halt ..."
Wieso müssen Menschen stets nach der Suche von Schlechtem und Bösem sein?
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