Als ich mal eine Kundin besuchte, da kam jemand vom Nachbargrundstück. Ich kannte ihn von früher, da wohnte er woanders. Wir begrüßten uns und er bat mich, später bei ihm vorbeizuschauen.
"Der nennt sich Heiler!" sagte die Kundin zu mir. "Glauben Sie, dass es so etwas gibt?"
"Warum nicht, manche Menschen haben diese Gabe."
"Seit Wochen hören wir es husten, so was von jämmerlich! Und auch nachts! Wahrscheinlich seine Frau, die habe ich schon lange nicht mehr gesehen!"
Mir schwante Übles. Ich ging dann später rüber zu dem Heiler und klingelte an der Haustür. Da kam er raus und nahm mich beiseite und fragte mich leise: "Welches Ritual und welche Heilgesänge machen Sie bei Lungenentzündung?"
"Gell, die Lungenentzündung dauert schon Wochen?"
Er erschrocken: "Woher wissen Sie das?" und nickte.
Ich wollte dann noch mehr über den Zustand der Patientin wissen, aber er blockte ab. Er wollte nur das Ritual wissen und welche Heilgesänge. Da wurde es mir zu dumm. Immer wenn ich ärgerlich bin, wird meine Stimme automatisch eine Oktave tiefer: "Also, hören Sie mir mal gut zu! Wenn eine Lungenentzündung schon so lange dauert, dann gibt es nur eins: Sofort den Arzt holen, der gibt dann Antibiotika."
Aber wenn die Nachbarn sehen, dass ich den Arzt brauche, dann glaubt doch keiner, dass ich heile?"
Ich dachte bei mir: "Und wenn der Bestatter kommt und mit einem Sarg wegfährt, auch nicht ..." Stattdessen sagte ich: "Bei bakteriellen Erkrankungen sind hierzulande nun mal Antibiotika die erste Wahl! Mit Heilgesängen vertreiben sie keine Bakterien, die lachen nur drüber."
Da schlurfte es im Haus. Er trat beiseite, da kam eine Frau, käsebleich und schwitzend, ein Bild des Jammers. Leise sagte sie mit schwerer Zunge: "Ich will ins Krankenhaus, aber er ist so stur." Dann drohte sie umzufallen. Ich fing sie auf: "Kommen Sie, ich bringe Sie ins Bett"
Ihr Mann stand nur rum. Ich wurde langsam wütend: "Jetzt rufen Sie schon die Rettung an, oder Ihren Hausarzt." Er nahm endlich sein Handy und wählte. Dann stotterte er rum. Da nahm ich ihm das Handy weg und sprach selbst mit dem Arzt. Ich erklärte kurz und knapp die Situation, der Arzt erschrak und wollte sofort einen Krankentransport schicken.
"So, Sie packen jetzt Sachen fürs Krankenhaus zusammen!" Er schlappte los. Männer!
Ich ging zu seiner Frau, erzählte ihr, dass bald ein Rettungswagen kommt, da war sie erleichtert. Plötzlich drohte sie zu kollabieren. Ihr Puls wurde immer schwächer, da "malte" ich ihr ein "Zeichen" auf die Stirn. Und hielt ihre Hand.
Da kam auch schon die Rettungsärztin angefahren. Ich schilderte ihr kurz und knapp, was los ist. Dann drückte ich der kranken Frau die Hand und wünschte ihr alles Liebe und baldige Genesung. Dann zog ich mich zurück.
Die Sanitäter standen schon vor der Haustür und wollten die Patientin holen. Ich verschwand einfach.
Abends erhielt ich einen Anruf, die Stimme kam mir bekannt vor, es war die Notärztin: "Ich habe Ihr Praxisauto gesehen, daher weiß ich, wer Sie sind. Sie haben mir kurz und knapp gesagt, was mit dieser Frau los ist. Sind Sie auch Krankenschwester?"
Ich merkte, diese Ärztin hat Humor und flachste: "Schlimmer, ich bin Schamanin ..." Zunächst Stille im Hörer, dann ein Prusten ... und dann erzählte sie mir, dass ihr die Patientin etwas Seltames gesagt habe. Ihr sei es schwarz geworden und dann habe sie später mein Gesicht gesehen ... "Was haben Sie da gemacht?" fragte die Ärztin.
"Darüber möchte ich nicht reden, nicht am Telefon ..." antwortete ich.
"Ja, aber irgendetwas müssen Sie doch gemacht haben. Ich kenne da Frauen, die nennen sich Heilerinnen, wenn die so etwas wie Sie gemacht hätten, die würden das herumposaunen!"
"Ich bin keine Heilerin", antwortete ich bestimmt und wollte das Gespräch beenden. Die Ärztin schien das zu merken und fragte, ob sie mich mal besuchen dürfe. Ich stimmte zu ...
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