Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Heute bekam ich einen Blitzbesuch - eine alte Studienfreundin, die dann den Beruf einer Headhunterin eingeschlagen hat. Sie bog mit ihrem Cabrio in meinen Hof ein. Natürlich musste just in disem Augenblick der Controlleti mit seinem GT (Geräteträger, eine Art Traktor) vorbei tuckern.
Er glotzte - fast hätte er das Lenkrad verrischen und wäre im Graben gelandet. Aber meine Freundin ist auch wirklich ein Anblick - das gebe ich neidvoll zu. Wir umarmten uns, dann tranken wir Kaffee und plauderten über alte Zeiten. Da ging das Telefon und als ich zurückkam, grinste meine Freundin.
Grund: Sie hatte eine Wahlkampfanzeige der Landratskandidaten der CSU gelesen. "Das ist ja so etwas von unprofessionell! Wenn da steht: Wichtige Erfahrungen jenseits des Tellerandes - weißt du, was das heißt?"
Ich schüttelte den Kopf. SIe fuhr fort: Das bedeutet, da gibt es nicht viel zu schreiben über ihn, also muss was erfunden werden!"
"Und was hältst du von kompetent und erfolgreich im Beruf?" wollte ich wissen.
"Nichts! Da muss dann stehen, was er erfolgreich gemacht hat! Welche Projekte und so!"
Jetzt war ich richtig interessiert - meine Freundin kennt sich ja in Personalfragen aus - sie zerlegt geradezu diese Anzeige. Also fragte ich: "Was hältst du von sachorientiert und parteiübergreifend?"
"Blabla! Dass ein Politiker mit anderen Parteien zusammenarbeiten muss, ist doch selbstverständlich! Wenn es die Wahlergebnisse erfordern. Und bevor du fragst, was ich von bodenständig und bürgernah halte, hast du gleich meine Antwort: Wenn da steht, stammt aus dem Landkreis und ist selbst Vereinsvorsitzender - da lache ich nur. Das sind doch keine Voraussetzungen für eine Führungsposition! Wieviele Leute arbeiten da eigentlich in diesem Landratsamt?"
"Soviel ich weiß, ein paar tausend!"
"Nee, also, wenn einer mit so einer Bewerbung bei mir anklopft, dem traue ich keine Führungsquaitäten zu! Und der Gegenkandidat?"
"Also, Führungsqualitäten hat der bestimmt, er war Chef von über 2.500 Mitarbeitern."
"Hmm, das ist überzeugend! Gibt es eigentlich keinen Lebenslauf von diesem CSU-Kandidaten?"
"Doch, schauen wir ins Internet." Gesagt, getan. Wir schauten uns die Seite an. Sie las und las.
Bei "Promotion zum Dr. rer. nat. an der Fakultät für Biologie, Chemie und Geowissenschaften der Universität Bayreuth - berufsbegleitend" stutzte sie und schmunzelte: "Soso, Bayreuth, ich hoffe, er hat seine Doktorarbeit selbst geschrieben. Da gab es doch den Freiherrn ..."
"Was hältst du von seiner Vita?"
"Nicht überzeugend! Als Personalerin würde ich ihn sofort fragen, wieso er von der Großstadt Stuttgart in die Kreisstadt Crailsheim gewechselt hat? Das sieht doch eher nach Antikarriere aus. Nee, so einen würde ich allenfalls als Juniorberater vermitteln - aber dafür ist er schon etwas alt."
Und dann wollte sie wissen: "Hat den wirklich die Basis der CSU ausgewählt?" Ich schüttelte den Kopf und erzählte ihr, wie diese Kandidatur zustande kam.
Sie verdrehte ihre Augen: "So etwas gibt es immer noch bei euch?"
Ein Blick hinter die Fassade der CSU (parodie)