Da gibt es hier einen Altbauern, der muss mindestens zweimal am Tag mit seinem Traktor in Richtung Westen in den Wald fahren. Mit zwei Eimerchen auf der Ladeffäche.
Damit auch jeder sieht, dass er etwas ganz Wichtiges zu transportieren hat. So wichtig können jedoch die Eimerchen nicht sein, die da auf dem Brett stehen, das er auf die Ackerschiene geschraubt hat. Öfters purzeln die runter, und sie sind immer leer.
Aber auf seine täglichen Traktorfahrten will er halt nicht verzichten. Irgendwie kann ich ja verstehen, hat er doch anscheinend sonst nichts mehr in diesem Leben, worüber er sich freuen kann.
Jetzt aber haben wir Winter, mit sehr viel Schnee. Der gemeindliche Schneepflug räumt jetzt bis zu meinem Hof, und das erst, seit sich in der Stadtverwaltung herumgesprochen hat, dass ich auch Schriftstellerin bin. Nur wohin mit diesen Schneemassen? Na ja, die werden halt einfach abgekippt, dort, wo die gemeindliche Straße zu Ende ist, und zwei Flurbereinigungswege beginnen. Da ja die Biogaslandwirte derzeit keine Gülle ausbringen dürfen, und auch sonst die landwirtschaftlichen Arbeiten ruhen, stören diese Schneehaufen keinen.
Keinen? Doch, eben diesen Altbauern! Er kann jetzt seine Eimerchen nicht spazieren fahren.
Letzte Woche war es so weit! Da brauste er auf der Westseite meines Hofes vorbei und nahm sozusagen Anlauf, um diese hohe Schneewehe zu überwinden. Ging nicht! Mit den Hinterrädern wullerte er und wullerte. Da ein Krachen, aha, ein Gruß vom Getriebe: Er hatte die Differentialsperre reingehauen, jetzt drehten beide Hinterräder gleichzeitig. Half aber auch nichts.
Also wieder zurückgesetzt, und ein neuer Versuch. Wieder ohne Erfolg. Also versuchte er, nach rechts auf die Wiese auszuweichen und an den hohen Schneemassen vorbei zu manövrieren. Offenbar mit eingeschalteter Differentialsperre. In der Bedienungsanleitung von Traktoren steht zwar, dass mit eingeschalteter Differentialsperre nur geradeaus gefahren werden sollte.
Das macht nichts, Papier ist geduldig! Also mühte er sich ab, mit seinem fast unlenkbar gewordenem Traktor die Schneemassen zu umrunden. Da, endlich hatte er es geschafft. Aber jetzt musste er gegenlenken, da nahte ja ein tiefer Graben. Lenken konnte er nicht, nur anhalten. Gerade in letzter Sekunde. Na ja, für alle Fälle hat sein Traktor einen Überrollbügel.
Ich frage mich, wozu das alles? Hat dieser Altbauer keine anderen Sorgen als das Spazieren fahren seiner Eimerchen? Bricht für ihn die Welt zusammen, wenn seine Eimerchen mal nicht bewegt werden?
MIt tun solche Menschen leid. Jetzt sind sie im Ruhestand. Haben sie keine Hobbies, denen sie jetzt nachgehen können? Offenbar nein. Lesen die nicht? Setzen die sich nicht mit ihren Enkeln zusammen, um mit ihnen zu spielen?
Ich kenne auch andere Altbauern, die können lesen und lesen ihren Enkeln vor. Andere nützen jetzt ihre freie Zeit und haben sich im Spitzboden eine Eisenbahnanlage aufgebaut, damit spielen sie mit ihren Enkelkindern. Und den Kindern gefällt es, das regt deren Fantasie an. Und das ist gut so!
(C) Copyright 2004-2010 by Kiat Gorina, Windsbach. Alle Rechte vorbehalten.