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Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.

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GLOSSE: Zensus - eine Tragikomödie in sieben Auftritten

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ERSTER AKT:
Der Erhebungsbeamte

Es ist Mai, ich bin bei der Stallarbeit. Draußen gießt es in Strömen. Da kommt ein Auto angerattert, ein etwas beleibter Mann steigt aus, schreitet zu meiner Stalltür und baut sich auf.

Mann (Befehlston): "Ich komme vom Landrat, wegen der Umfrage!" 

Ich schaue mir den Typen an. Keine Regenjacke, dafür ein Hemd mit zerrissenem Ärmel.

Ich  (zweifelnd): "Haben Sie denn einen Ausweis?" 

Er: "Muss ich suchen" (kramt in seinen Taschen)

Dann hält er mir seinen Personalausweis unter die Nase, anfassen darf ich seinen Ausweis nicht!

Ich (sehr zweifelnd): "Und Sie sind Erhebungsbeauftragter?" 

Er: "Jawoll! Ich bin Erhebungsbeamter! Und jetzt müssen wir den Frageboden ausfüllen!"

Ich (im Babyton): "Lassen Sie den Fragebogen da, ich kann schon lesen und schreiben und den Fragebogen alleine ausfüllen!"

Er: "So, aber ich muss wissen, was Sie eintragen!"

Ich: "Jetzt geben Sie mir schon den Fragebogen, ich setze mich nachher an den Computer!"

Er: "So einfach geht das nicht, ich muss vorher ihre Fragebogennummer aufschreiben und ihren Code!"

Er zückt sein Notizbuch, schreibt etwas vom Fragebogen ab und verschwindet.

ZWEITER AKT:
Die Erfassung

Den Fragebogen lege ich im Stall auf einen Futtersack, da kommt ein Windstoß, der Bogen landet in der Abflussrinne für Gülle und bekommt einige Flecken ab.

Ich (murmelnd): "Das passt zusammen!" 

Dann versorge ich die Tiere und gehe ins Haus, wasche mir die Hände und setze mich gleich an den Computer.

Ich rufe die Webseite auf, tippe die Nummer des Fragebogens ab und den Aktivierungscode.

Ich (fragend murmelnd): "Ist das jetzt ein großes O oder eine Null?" 

Ich entscheide mich für ein großes O.

Ich (überrascht): "Glück gehabt!" 

Die aufgrufene Seite geruht zu antworten, die Fragen erscheinen.

Ich: "Das ist ja kinderleicht! Wozu brauchen die Erhebungsbeauftragte?"

Also flugs alle Fragen beantwortet - die meisten wurden ja - da unzutreffend - übersprungen.

Abschließend:

Ich (ahnungsvoll): "So, jetzt den Ausdruck! Wer weiß, wozu das gut ist! 

DRITTER AKT:
Die erste Mahnung

Mittlerweile ist Ende Juli, ein großer Umschlag steckt im Briefkasten.

Ich (seufzend): "Was will das Landratsamt jetzt schon wieder von mir? Im Zweifelsfalle Geld!" 

Ich öffne den Umschlag und lese, dass die Erhebungsstelle im Landratsamt noch keinen ausgefüllten Fragebogen erhalten habe.

Ich: "So ein Quatsch! Den habe ich doch längt im Computer eingetragen!"

und suche nach dem Ausdruck.

Ich: "Klar! Mit Datum!"

Anruf bei der Erhebungsstelle, ein junger Mann meldet sich.

Ich: "Ich habe heute eine Mahnung von Ihnen erhalten, ich hätte den Fragebogen noch nicht abgegeben. Aber das kann nicht sein, ich habe sogar einen Ausdruck von meinem Eintrag!"

Junger Mann: "Aber wir können auf Ihre Daten nicht zugreifen! Sie müssen deshalb den Fragebogen ausfüllen. Aber ich bin kulant, sie müssen das Antwortkuvert nicht frankieren!"

Ich: "Wieso soll ich das noch einmal ausfüllen? Einmal genügt doch!"

Junger Mann: "Aber wir können nicht darauf zugreifen, das Programm meldet zwar, dass Sie den Fragebogen abgesandt haben, aber wir sehen ihn hier nicht!"

Ich: "Das ist nicht mein Problem!"

Junger Mann (im scharfen Ton): "Sie sind gezwungen, den Fragebogen auszufüllen und uns zu schicken. Wenn Sie das unterlassen, erhalten Sie eine Ordnungsstrafe von bis zu 50.000 Euro. Wegen mangelnder Mitwirkunsgpflicht! Also, überlegen Sie sich das gut!"

Ich: "Aber hier steht, ich zitiere: Sie können die Angaben auch im Rahmen einer Online-Meldung abgeben."

Junger Mann: "Wo steht das?"

Ich (süffisant): "Auf der Rückseite Ihres Briefes!"

Junger Mann (versuchter Befehlston): "Das interessiert mich nicht! Ich brauche Ihren Fragebogen, damit ich ihn eintippen kann! Wenn Sie keinen Fragebiogen schicken, setzt es ein Zwangsgeld!"

Ich: "Das werden wir sehen. Auf Wiederhören!"

VIERTER AKT:
Bundesamt für Statistik, Wiesbaden

Ich setze mich wieder an den Computer, rufe die Webseite auf und tippe Nummer und Code ein.

Ich (murmelnd): "Das Programm akzeptiert meine Eingaben nicht mehr - irgendwie logisch, ich bin ja schon erfasst."

Ich suche mir die Nummer des Bundesamtes für Statistik in Wiesbaden und erzähle meine Geschichte einer Frau:

Ich: "Ich wollte den Fragebogen neu eintippen, aber das Programm akzeptiert keine Eingaben mehr!"

Frau: "Das geht auch nicht! Aus Datenschutzgründen darf nur einmal erfasst werden!"

Ich: "Das leuchtet mir ein. Aber im Landratsamt können sie auf meine Daten angeblich nicht zugreifen!"

Frau (zögernd): "Ja, solche Fehler sind uns bekannt. Im Freistaat Sachsen da können die Erhebungsstellen die eingetragenen Fragebögen zwar aufrufen, aber dann bleibt der Bildschirm dunkel!"

Ich: "Da kann doch ich nichts dafür!"

Frau: "Wo wohnen Sie?"

Ich: "In Bayern."

Frau: "Dann wenden Sie sich an das Landesamt für Statistik, das sitzt in Fürth, ich gebe Ihnen die Nummer."

So geschieht es. 

FÜNFTER AKT:
Das Landesamt für Statistik, Fürth

Mit der Nummer bewaffnet, rufe ich im Landesamt für Statistik in Fürth an und erzähle meine Geschichte - wieder einer Frau:

Ich: "Wenn ich nicht den Fragebogen erneut ausfülle, dann droht die Erhebungsstelle mit Zwangsgeld!"

Frau: "Dazu ist die Erhebungsstelle berechtigt, weil Sie gegen Ihre Mitwirkungspflicht verstoßen."

Ich: "Ich habe nicht gegen die Mitwirkungspflicht verstoßen, ich habe den Fragebogen ausgefüllt und erfasst!"

Frau: "Ich gebe Ihnen einen guten Rat, die Erhebungsstelle sitzt am längeren Hebel. Füllen Sie den Fragebogen aus und schicken Sie ihn ins Landratsamt. Diese Art der Erhebung funktioniert jedenfalls."

Ich: "Soll das heißen, dass die Online-Erfassung nicht funktioniert? Und was ist mit meinen bereits erfassten Daten? Schwirren die irgendwo im weltweiten digitalen Nirwana herum?"

Frau: "Ich weiß nicht, wo der Fehler liegt."

Ich: "Wenn nicht bekannt ist, wo die Fehlerursache liegt, dann habe ich kein Vertrauen zu der Art und Weise, wie Sie den Datenschutz handhaben."

Frau: "Ich werde die Erhebungsstelle im Landratsamt anrufen, Sie erhalten Bescheid!"

SECHSTER AKT:
Der Datenschutzbeauftragte für Bayern, München

Wieder suche ich mir eine Nummer heraus, diesmal für den Datenschutzbeauftragten für Bayern. Und rufe an. Und erzähle meine Geschichte - einem gemütlich wirkenden Münchner.

Ich: "Und ich soll sogar Zwangsgeld bezahlen, weil ich angeblich gegen meine Mitwirkungspflicht verstoße!"

Datenschützer: "Sie brauchen natürlich kein Zwangsgeld zu bezahlen, Sie haben nicht gegen die Mitwirkungspflicht verstoßen. Das Problem dürfte in der Erhebungsstelle im Landratsamt liegen. Schreiben Sie alles auf und schicken Sie uns den gesamten Vorgang. Wir werden der Sache nachgehen."

SIEBTER AKT:
Erhebungsstelle im Landratsamt

Im August erhalte ich eine Kopie des bereits bekannten Mahnungsschreibens. Ich setze mich - wieder einmal - an den Computer und will den Fragebogen eingeben. Diesmal geruht der Computer, sowohl Nummer als auch Code anzunehmen. Also tippe ich die Eingaben von meiner ausgedruckten Ersteingabe noch mal ein.

Ich (murmelnd): "Wieso erscheint da kein Hinweis, dass die Daten bereits vorliegen?"

Ich erfasse alles - mittlerweile habe ich ja schon Übung und drucke noch einmal aus. Dann rufe ich die Erhebungsstelle an, eine Frau meldet sich:

Frau: "Mein Kollege hat mir gerade gemeldet, dass sie soeben die Daten erfassen."

Ich (perplex): "Wieso? Werde ich von der Erhebungsstelle überwacht?"

Frau (stotternd): "Ich wollte sagen, dass mir der Kollege mitteilte, dass sie den Fragebogen online ausgefüllt haben."

Ich: "Vorhin haben Sie sich aber ganz anders ausgedrückt. Aber sei es wie es sei, weil ich Sie gerade an der Strippe habe, eine Frage: Ist der Erhebungsbeauftragte berechtigt, die Daten von dem Fragebogen abzuschreiben? Auch den Aktivierungscode?"

Frau (schnaufend): "Nein, natürlich nicht! Aber selbst wenn er das gemacht hat, die Daten sind vertraulich! Er ist ja Erhebungsbeauftragter und wurde ausgebildet."

Ich: "Auch in Sachen Datenschutz?"

Frau: "Selbszverständlich!"

Ich: "Und wo sind meine Daten gelandet, die ich das erste Mal eingegeben hatte?"

Frau (stammelnd): "Das entzieht sich meiner Kenntnis." (Pause, dann festere Stimme) "Ich rate Ihnen, lassen sie das alles auf sich beruhen, wir haben Ihre Daten!"

Ich: "Und ich habe Ruhe vor Ihnen?"

Frau: "Vorerst ja!" (legt auf)

Ich (murmelnd): "Hört sich an wie eine Drohung ... Bin mal gespannt, was als nächstes kommt!"

 

 

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W
<br /> Eine ganz tolle Glosse!<br /> <br /> <br />
Antworten
K
<br /> <br /> Vielen Dank für dein dickes Lob!<br /> <br /> <br /> <br />
A
<br /> Das ist wieder eine Superglosse geworden! Du solltest wirklich deine besten Glossen in einem Buch herausgeben. Al Weiwei hat das ja auch gemacht. Dann wurde sein Blog von den chinesischen Behörden<br /> verboten. Aber jetzt geht sein Blog um die Welt. Du scheinst ja in den Ämtern viele Feinde zu haben. Ich denke, dass da viele auf dich angesetzt sind, um dir ans Zeug zu flicken. Sie suchen<br /> bestimmt nach einem Grund, um dich und deinen Blog aus dem Verkehr zu ziehen!<br /> <br /> <br />
Antworten
K
<br /> <br /> Vielen herzlichen Dank für dein dickes Lob! Ja, das überlege ich mir zur Zeit schon sehr! Die Frage, die sich mir stellt, was mache ich mit den Kommentaren? Da haben ja deren Ersteller und -innen<br /> das Urheberrecht. Bevor ich also einen Kommentar zu einem Blog in diesem Buch veröffentliche, müsste ich das Einverständnis der Schreiberin einholen. Dann gibt es Fälle, das manche als<br /> E-Mail-Adresse eine Adresse abgaben, die es nicht mehr gibt? Was dann? Das muss ich mir noch überlegen. Aber die Idee an sich gefällt mir sehr. Vor allem könnte ich dann noch einen Vergleich<br /> bringen:<br /> <br /> <br /> Wann wurde die Glosse geschrieben?<br /> <br /> Wie waren die damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse?<br /> <br /> Was macht die Person heute?<br /> <br /> <br /> <br /> Ein Beispiel: Hessen aus der Sicht einer<br /> Schamanin<br /> <br /> <br /> Die Glosse bezieht sich auf das üble Spiel, das mit Andrea Ypsilanti gespielt wurde - einer großen Hoffnungsträgerin der SPD, die von ihren eigenen männlichen Genossen fertig gemacht<br /> wurde <br /> <br /> Roland Koch, der damalige hessische Ministerpräsident, schmiss dann später sein Amt hin und heute ist er Chef von Bilfiger Berger, einem Baukozern, der auch dafür sorgte, dass das Kölner<br /> Stadtarchiv zusammenstürzte.<br /> <br /> Diese Firma ist ja gerade prädestiniert, den Monsterbau des Stuttgarter Maulwurfbahnhofes S21 zu bauen <br /> <br /> <br /> <br /> Dann stelle ich mir die Frage? Kann ein solches Buch etwas bewirken? Bringt es die Leserinnen zum Nachdenken - vielleicht gar zum Umdenken?<br /> <br /> <br /> Fragen über Fragen <br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> <br />
K
<br /> Liebe Kiat,<br /> <br /> unfassbar wie die bayrischen Beamten mit Ihren Steuerzahlern umgehen! Ich mußte ja auch so einen Fragebogen ausfüllen und habe es online gemacht. Ich hätte hier keinem getraut, die Daten für sich<br /> zu behalten. Wahrscheinlich wollten die im Landratsamt nur Deine Daten haben. Bleibe vorsichtig und lass Dich Dich nicht von den bayrischen Beamten verkackeiern.<br /> <br /> Liebe Grüße, Katharina<br /> <br /> <br />
Antworten
K
<br /> <br /> Liebe Katharina, ja, es ist wirklich unglaublich, was da abläuft! Und was für Typen da als sogenannte "Erhebungsbeauftragten" losgeschickt werden, unglaublich! Für mich war das total<br /> kafkaesk  Liebe Grüße, Kiat<br /> <br /> <br /> <br />
D
<br /> Du meine Güte.<br /> Das hört sich aber sehr seltsam an Kiat. Auch wie<br /> die Amtschimmel mit Dir umgegangen sind.<br /> Wenn sie nicht Deine zuerst geschriebene Antwort<br /> doch noch nachträglich registriert haben, dann haben sie Dic<br /> beim Zweiten Mal auf alle Fälle überwacht.<br /> <br /> Du hast aber gut gekontert. Die können Dir gar nichts.<br /> Du hast geantwortet. Es ist nicht Dein Problem, wenn die<br /> Menschen, nach Deiner Eingabe, dann nicht funktionieren, bzw.<br /> wenn das Programm nicht kompatibel ist. Das wäre ja noch schöner.<br /> Interessant finde ich, daß nach Deinem Aufmerksammachen, dann<br /> die doppelte Eingabe doch ging. Also haben sie im Programm,<br /> die einmalige Eingabe gelöst.<br /> Und was heißt da *Vorerst*.<br /> Gehen die davon aus, daß Du alles falsch gemacht hast?<br /> Lass Dich davon nicht beeindrucken.<br /> <br /> Mich erinnert das an *Buchbinder Wanninger* mit dem<br /> unvergessenen Karl Valentin:<br /> <br /> http://www.youtube.com/watch?v=P88V-Rx77Tk<br /> <br /> Lach drüber ;-)<br /> <br /> Liebe Grüße<br /> Deine Deva<br /> <br /> <br />
Antworten
K
<br /> <br /> Das Landratsamt hat mich halt auf dem Kicker! Der Landrat jetzt weniger, er hat jetzt andere Sorgen, weil er an Parkinson erkrankt ist und vorzeitig sein Amt zur Verfügung stellt. Da gibt es jede<br /> Menge von Bewerbern - in allen politischen Farben  Vor allem haben einige es nicht verkraftet, dass ich für<br /> den Erhalt des Krankenhauses Feuchwangen eingetreten bin - die Entwicklung hat mir recht gegeben.<br /> <br /> <br /> Und ich war gegen die Ansiedlung eines Feriendorfes beim Hesselberg - die Investoren sind "Heuschrecken". Auch hier behielt ich Recht, was die Entwicklung angeht.<br /> <br /> <br /> Und ich bin gegen ein Monsterindustriegebiet, für das die Flächen so ausgesucht wurden, dass eine alte Hofstelle mit dem Landverkauf "vergoldet" werden soll. <br /> <br /> <br /> <br />