Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Wer mein Buch kennt, weiß, dass ein alter Schamane einst prophezeite, dass alle Menschen, die mich beleidigt oder mir geschadet haben, vom Glück verlassen werden. An dieser Prophezeiung muss ich immer wieder knabbern.
So auch heute: Da las ich in der Lokalzeitung eine Todesanzeige. Ein Zimmermannsmeister hatte einen tragischen Unfall. Es war nicht irgendein Zimmermannsmeister, nein, seine Firma hatte das Dach einer meiner Scheunen erneuert. Und ich war mit der Arbeit überhaupt nicht zufrieden. Grund: Vereinbart war, dass nötigenfalls auch die Lattung erneuert wird. Aber er und seine Leute unterließen das, das Ergebnis ist ein sehr welliges Dach geworden. Ich sprach ihn an, er wurde pampig - ich ärgerte mich. Für mich stand fest, diese Firma bekommt von mir keinen Auftrag mehr.
Dann erfuhr ich, wieso diese Firma so schlampig gearbeitet hatte. Da gibt es zwei Bauern in den umliegenden Dörfern, die müssen mich wie die Pest hassen. Wieso? Weil ich ein Buch geschrieben habe? Immer wieder höre ich: "Bei uns hat noch nie jemand ein Buch geschrieben! Und eine Frau schon gleich gar nicht! Frauen sollen arbeiten, aber keine Bücher schreiben!" Und eine Halbmongolin wie ich erst recht nicht. Und wie mir der Buschfunk flüsterte, haben die beiden Bauern schon meinen Hof aufgeteilt! Einer nimmt das Land, der andere die Gebäude!
Und letzterer hatte sogar die Chuzpe, mir Vorwürfe zu machen: "Was richtest du deine Scheune her? Du musst noch folgendes bei deinem Haus machen!" Und dann zählte er auf, was ich machen sollte. Vor lauter Aufregung verplapperte er sich: "Ich bin der Nachfolger, und ich will ein schön hergerichtetes Haus haben!" Ja, und er sagte mir ins Gesicht: "Ich habe dem Zimmerer gesagt, dass ich die Scheune sowieso abreiße!" Ich tippte mir an die Stirn und ließ ihn stehen.
Geärgert habe ich mich schon, einmal über diesen dummdreisten Bauern und zum andern über diesen Zimmermann! An diese Prophezeiung dachte ich dabei nicht ...
Ja, da las ich heute die Todesanzeige. Und einen Bericht über den Unfall. Der Handwerker war von einem Schienenbus auf einem ungesicherten Bahnübergang erfasst und mit seinem Auto 15 Meter weit geschleudert worden. Ich hoffe, dass er gleich tot war. Obwohl, Schrecksekunden können sich sehr lange hinziehen. Passiert ist das am letzten Montag abends - um 21:15 Uhr.
Und an diesem Montag Abend hatte ich die Hupe des Zuges und später Martinshörner gehört - und ein Bild schoss mir durchs Hirn: Wieder ein Unfall bei diesem Bahnübergang?! Ja, es war ein Unfall. Dabei ist dieser Bahnübergang sehr übersichtlich, und die Autos dürfen nicht schneller als 10 kmh fahren. Und in der Stunde fahren nur zwei Züge - die Wahrscheinlichkeit, vom Zug erfasst zu werden, ist sehr gering. Aber der Handwerksmeister wurde erfasst.
Bei solchen Vorfällen besteht die Gefahr, dass ich denke: Kommt das wegen mir? Aber andererseits sage ich mir: Gut, ich habe mich über diesen Menschen geärgert, ich bin auch nur ein Mensch. Aber ich habe ihn nicht verflucht. Ich habe auch diese Prrophezeiung nicht gewollt - die sprach der alte Schamane aus. Diese Prophezeiung besteht - ob ich will oder nicht! Und wenn sie wieder mal zuschlägt, dann bin ich nicht verantwortlich dafür.
Ich habe mich einmal mit einer Freundin darüber unterhalten. Sie meinte: "Das ist doch prima! Dann werden all die Leute, die dir das Leben schwer machen, bestraft!" Sie verstand nicht, das ich das gar nicht will! Ich will einfach in Ruhe gelassen werden und mein Leben in Ruhe leben! Ist das zuviel verlangt? Ich lasse ja auch die andern in Ruhe!
Ja, jetzt werde ich wieder mal grübeln. Mein Bär wird versuchen, mir klarzumachen, dass es nicht meine Aufgabe ist, mir den Kopf über diese Prophezeiung zu zerbrechen: "Für diese Prophezeiung kannst du nichts dafür! Du hast sie nicht ausgesprochen! Darüber entscheiden ganz andere Wesenheiten ..." - Ja, ich denke, so ist es. Aber es ist schon so viel passiert!
Und ich muss damit leben!