Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Vorgestern war ich ja eingeladen, in einem Yoga-Garten aus meinem Buch zu lesen. Es kamen weit mehr Zuhörer als erwartet.
Ja, und wen sehe ich denn da? Einen älteren freundlichen Herren, der mir irgendwie bekannt vorkam. Da half er mir nach. Genau, das war doch der freundliche Herr, der immer Äpfel an seinen Gartenzaun auslegte, für mein Pferd. Das war vor fünfzehn Jahren.
Und als dieser Herr über die Presse erfuhr, dass ich ein Buch geschrieben hatte, hat er sich das gleich bestellt und gelesen. Wie viele andere, hat auch er bestätigt, dass er mit dem Lesen nicht aufhören könnte. Wir kamen ins Erzählen und als er hörte, wo ich jetzt wohnte, nickte er sorgenvoll seinen Kopf. Er kannte das benachbarte Dorf, das war vor sechzig Jahren. Da war er ein junger Bursche und musste zusammen mit einem Kollegen etwas reparieren. Sie waren von ihrem Chef in dieses Dorf geschickt worden.
Da passierte es: Der Kollege hatte einen schweren Arbeitsunfall, da standen die Dörfler herum und lachten und grienten über den armen Menschen, der den Unfall hatte. Ihm helfen? Nein, aber frotzeln, das konnten sie. Keiner von den Dörflern kam auf die Idee, einen Arzt zu rufen. Oder den Verletzten ins nächste Krankenhaus zu fahren. Das überließen sie alles ihm, dem Kollegen. Der musste sich erst mühsam durchfragen ...
Seitdem umfahre er stets weiträumig dieses Dorf. meinte er, noch heute. Trotzdem möchte er mich besuchen. "Ich wohne ja weit außerhalb", sagte ich tröstend. Da mussten wir beide lachen.
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