Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Meine Hündin Riffel ist ein richtiger Zucker-Wachhund geworden. Wenn sie merkt, dass mein Zucker nicht mehr passt, dann tatzt sie mich! Wer mein Buch gelesen hat, weiß, dass ich noch ein Kind war, als russische Ärzte bei mir Diabetes Typ I festgestellt haben.
Mein Ziehonkel und mein erster Lehrer - Alter Mann - hatten mich zur nächsten Medizinstation gebracht. Die russischen Ärzte retteten mein bisschen Leben. Und ich lernte die sogenannte Zivilisation kennen - wie "Wasser aus der Wand" - einen Wasserhahn oder "Licht von der Decke", eine Deckenlampe.
Wie ein Wasserhahn funktioniert, wusste ich noch nicht. Mein Ziehonkel sprach von Dämonen, die den Langnasen untertan seien. Alter Mann lächelte nur dazu. Später erfuhr ich, was es mit dem Wasser aus der Wand auf sich hat. Und auch was elektrischer Strom bedeutet.
Für die noch archaisch lebenden Nomaden gab es keine andere Erklärung als Dämonen - sehr mächtige Dämonen. Also mussten die russischenÄrzte mächtiger sein als der Schamane, der konnte kein Wasser aus der Wand hervorbringen und normalerweise auch kein Licht von der Decke zaubern.
Und wenn ihn die Sippe fragte, wieso er einen solchen Zauber nicht behrrsche, was macht dann ein solcher Schamane in seiner Not? Er erfindet ganz böse und fürchterliche Dämonen, die mächtiger sind als er - ja mächtiger als alle Schamanen zusammen.
Ich habe ziemlich früh erkannt, dass solche Schamanen nur solche Dämonen erfanden, um eine Ausrede zu haben, dass sie solche Dinge nicht zaubern konnten.
Ja, bei den Russen sah ich auch zum ersten Mal Autos. Ich fragte Alter Mann, ob das auch ein Langnasenzauber sei. Alter Mann lächelte und schüttelte seinen Kopf: "Nein, diese Dinger müssen stinkendes Wasser trinken, ohne dieses Wasser bewegen sie sich nicht. Das ist kein Zauber!"
So lernte ich sehr früh, stets eine "vernüftige" Erklärung für unerklärbare Ereignisse zu finden. Etwas, was mir auch heute noch immer wieder Menschen vorwerfen: "Du zerstörst so schöne Illusionen!"
Zurück zu Riffel - dem Zucker-Wachhund. Heute abends war es wieder so weit. Ich telefonierte mit einer Kundin, da stand Riffel von ihrem Sofa auf und betatzte mich. Ich verstand sie zunächst nicht: "Nicht jetzt, Riffel, ich telefoniere!" Riffel ging wieder zu ihrem Sofa und weinte leise. Nach dem Telefonat wusste ich plötzlich, dass Riffel mich warnen wollte.
Der Zucker! Ich maß meinen Blutzucker - zu hoch! Da entschuldigte ich mich bei Riffel und knuddelte sie. Zufrieden legte sie sich auf den Rucken und ich kraulte ihren Bauch. Ja, Riffel ist wirklich ein verlässlicher Zucker-Wachhund!
Und woher weiß Riffel, dass mein Zucker nicht mehr passt? Das sind nicht irgendwelche Geister oder Dämonen, die das Riffel flüstern, sondern das sind ihr ausgeprägter Geruchs- und Hörsinn: Wenn die Zuckerwerte nicht stimmen, dann riechen Menschen anders und sie sprechen anders. Und Riffel erkennt das.
Wenn ich zum Beispiel in ein Büro mit vielen Menschen komme und ich rieche einen bestimmten Geruch wie Moder - ich kann das nicht genau beschreiben - dann weiß ich, hier gibt es jemand, der an Lungenkrebs erkrankt ist.
Ja, wie gehe ich dann damit um? Darf ich das dem betroffenen Menschen einfach ins Gesicht sagen?