Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Gestern kam eine alte Freundin zu Besuch. Sie war sehr traurig. "Was ist passiert?", fragte ich sie. Dann erzählte sie: Sie war unlängst in den Urlaub geflogen - zusammen mit ihrem Freund. Und als sie zurückkehrten, sahen sie die Bescherung:
In ihrem Haus war eingebrochen worden. Außen war nichts zerstört - aber innen. Fast die gesamte Einrichtung war verschwunden. "Ich hatte mein Haus so schön eingerichtet, da ist alles weg", jammerte sie und weinte. "Meine Antiquitäten ..."
Nachforschungen ergaben, dass am helllichten Tag ein großer Möbelwagen vorgefahren war. Das fiel natürlich nicht auf. Ich fragte sie:
"Wer wusste, dass du weg bist?"
"Eigentlich niemand! Nur meine Bekannten halt, ich kenne jetzt sehr viele Leute. Allein in Facebook, da tausche ich immer Neuigkeiten aus."
"Was? Du hast im Facebook erzählt, dass du in den Urlaub fliegst?"
"Ja, natürlich! Meine Freunde in Facebook müssen doch wissen, wenn ich verhindert bin und nicht antworte!" gab sie verschnupft zurück.
"Ja, dann ist mir alles klar! Was meinst du, wer da bei Facebook alles mitliest. Kennst du deine Freunde in Facebook persönlich?"
"Natürlich nicht! Und du meinst, dass da welche darunter sind, die einbrechen. Das kann ich nicht glauben. Du hast eine zu große Phantasie!"
"Doch, das ist durchaus möglich! Da tummeln sich alle möglichen Leute im Netz und wenn jemand öffentlich schreibt, dass sie nicht zu Hause ist. Das ist doch eine Einladung für Kriminelle. Die beobachten dein Haus, merken, dass es stimmt, dass du weg bist und schon sind sie drin!"
"Das ist ja schecklich! Wieso warnt da Facebook nicht? Die sind schuld!"
"Nein, du bist selbst schuld. Facebook ist wie ein öffentliches schwarzes Brett, da wirst du ja auch nicht private Sachen aushängen. Oder?"
Sie schwieg. Ich fuhr fort: "Und außerdem wird Facebook den Teufel tun, ihre Nutzer daran zu hindern, nicht alles über sich zu schreiben. Warum? Weil mit diesen persönlichen Informationen Benutzerprofile für die Werbungsindustrie gebastelt werden. Ich möchte nicht wissen, in wie vielen Datenbanken du jetzt gespeichert bist: Frau, vermögend, fliegt mehrmals im Jahr in Urlaub ..."
"Meinst du wirklich?"
"Klar! Was glaubst du, warum Apple und andere sogar speichern, wo sich die NutzerInnen überall aufhalten. Daraus entstehen dann Bewegungsprofile ..."
Sie seufzte tief und weinte. Sie tat mir leid. Da begann ich dann ihr Zentrum der Erkenntnis zu "bearbeiten" und kräftigte das Zentrum der Freude. Dann schlief sie ein. Als sie Stunden später aufwachte, sah sie auf die Uhr. Aber ihr Gesicht war nicht mehr verweint und sie war wieder die Alte: zuversichtlich und humorvoll!
Beim Abschied flüsterte sie leise "Danke!".