Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Einmal kam eine Frau vorbei. Sie war eine Suchende. Will heißen, sie sucht immer neue Methoden auf dem Gebiet der Esoterik.
Dann hatte sie mal ein Buch gekauft - über Kartenlegen. Und dann fing sie zu Büffeln an: über Legeschemata, über diverse Tarotkarten etc.
Tja, und irgendwann wollte sie ihre Investitionen zu Geld machen. Denn so ein Weg wird mit der Zeit ziemlich teuer. Und dann kommt der große Sprung ins Wasser. Sie suchte sich eine wohlwollende Freundin und legte ihr die Karten - mit mäßigem Erfolg. Aber das merkte sie selbst. Dabei hatte sie sich schon als die große Kartenlegerin gefühlt.
Sie klagte mir ihr Leid. Meine erste Frage: "Hast du zu deinen Karten schon eine Beziehung aufgebaut?"
"Wie soll das gehen? Brauche ich da besondere Karten?"
"Brauchst du nicht, nimm einfach diejenigen Karten, die dir am besten gefallen."
"Mische deinen Kartenstapel, ziehe daraus ein Karte und schaue dir diese Karte an, sehr lange. In allen Einzelheiten. Am besten du denkst dir über diese Karte ein Geschichte aus. Und immer wenn du eine Karte ziehst, dann erinnerst du dich an diese Geschichte. Mit der Zeit hast du viele kleine Geschichten, die dann beim Orakel zu einer größeren Geschichte kombinierst. Ganz zwanglos, ohne groß nachzudenken. Deine Worte sprudeln nur so vor dich hin."
Sie probierte es aus. Die ersten Male war der Erfolg mäßig. Aber sie gab nicht auf. Sie hatte irgendwann das passende Gefühl für das passende Gesprächstempo, die Worte plätscherten, irgendwie war es monoton.
Und letzte Woche war es soweit. Sie hatte einer Bekannten die Kartengelegt und die Bekannte hatte etwas gespürt. Es war nicht das Übliche: Wann erscheint der Traumprinz und so. Nein, bei ihrer Plapperei hatte sie Worte gesagt, die wiederum ihre Bekannte nachdenklich machten, ja sie zum Nachdenken brachten. Das musste sie mir erzählen.
Wie hatte sie sich gequält. Und dann merkte sie: "Es ist ja ganz einfach!" Wir unterhielten uns noch eine ganz Weile. Sie beschloss dann zu Hause, alle ihre Utensilien wegzuräumen, nur ihre Lieblingstarotkarten - die behielt sie. Und noch etwas ging mit ihr vor: Jetzt wollte sie gar nicht mehr Kartenlegen, naja, hin und wieder, aber auf keinen Fall berufsmäßig.
Ich freute mich über sie und über ihre Entwicklung.
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