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Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.

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Tageszeit bieten? Was soll das sein?

Heute rief mich ein alter Bekannter an. Ein ehemaliger Hauptfeldwebel. Zwar ist er schon älter, aber der schnarrende Tonfall blieb ihm erhalten. Prompt fiel mir mein Vater wieder ein. Der schnarrte auch immer so. Nur dass es sich bei seiner etwas dünnen Krähstimme eher nach Katzengeschrei anhörte. 

An einen Tag werde ich mich noch länger erinnern. Da ging wirklich alles schief. Meine Stiefmutter lag im Krankenhaus, ich kämpfte mit dem Abitur, das Mittagessen war mir angebrannt, im Salat lag ein feindlicher Ohrwurm im Hinterhalt, und ich hatte die Wäsche für Vatern noch nicht weg geräumt. Das konnte er gar nicht leiden! 

"Was soll das! Du bringst jetzt sofort die Kleidung auf meine Stube und räumst sie in den Spind! Und das Koppel ziehst du in die graue Hose, aber akkurat. Und strähle  deine Haare, bevor du mir gegenüber trittst! Verstanden?!" 

"Ja Papa", antwortete ich seufzend. Ich ahnte schon, was jetzt wieder kam: "Das heißt nicht Ja, Papa! Das heißt: Jawohl Herr Oberfeuerwerker! Und nimm gefälligst Haltung an! Ich bin schließlich Portepee-Träger!" 

Du liebe Zeit! Das Militär musste sich in Vaterns Gehirnwindungen festgefressen haben. Dass der Krieg im Jahr 1981 seit 36 Jahren vorbei war, ignorierte er einfach. Da half nur schleunigste Flucht. Sonst würde Vatern mir wieder androhen, mich standrechtlich erschießen zu lassen! 

Es half alles nichts, am Nachmittag musste ich doch in die Küche, weil er da seinen Nachmittagskaffee trinken und sein Butterbrot geschmiert haben wollte. Komisch, als ehemaliger Kommisskopp müsste er doch mit Brot und Messer umgehen können. 

Also, tief Luft holen, rein in  die Küche und - "Willst du mir nicht die Tageszeit bieten?!" krähte es militärisch stramm. 

"Tageszeit bieten?" Hmmm? Was ist das denn? Ich kam ernstlich ins Schleudern. Was wollte Vatern nur? Ich sah auf die Küchenuhr, die gegenüber von meinem Vater an der Wand hing. "Genau halb vier", antwortete ich stramm, "übrigens, die Uhr geht richtig, da kannst du auch nachschauen ..."

 Die Antwort war ein schrilles Gekreische, Vatern zog seinen Schlappen aus und wollte ihn mir - wieder einmal - um die Ohren schlagen. 

Ich habe später meine Stiefmutter gefragt, was Vatern eigentlich wollte. "Die Tageszeit bieten" hieß bei ihm, dass man ihn grüßen sollte.

Da wäre ich nie drauf gekommen!

Beim Militaer.mpg

 


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L
Gab es bei deinen deutschen Verwandten noch mehr solche Verrückte wie deinen Vater?
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K
<br /> <br /> O ja, beispielsweise eine Tante: Die sagte mal am Telefon: "Wir haben alle nicht geglaubt, dass du mal so alt wirst!" Richtig vorwurfsvoll! Da legte ich auf. Und hob nie mehr ab, wenn ich ihre<br /> Nummer auf dem Display sah. Das war sogar ihrem Göttergatten zuviel. Er tröstet sich mit seiner Sekretärin in seinem Büro. Das kann ich gut verstehen.  Mir wurde erzählt, da gab es mal eine Folge Dallas im Fernsehen. Ein paar Wiederholungen sah ich - für mich langweilig, solche<br /> Intrigen kenne ich von meiner deutschen Verwandtschaft <br /> <br /> <br /> <br />
P
Du hast ja einiges überstanden! Also hast du noch einige Aufgaben zu erfüllen.
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K
<br /> <br /> So sehe ich das auch! Wenn ich da an die Attacken meines verstorbenen Vaters denke! Einmal baute er sogar höchstpersönlich ein Wildwasserkanu, damit wollte er mit mir auf Tour gehen, obwohl ich<br /> nicht schwimmen kann. Und viel später erfuhr ich, dass er eine Lebensversicherung auf meinen Tod abgeschlossen hatte. Mit ihm als Begünstigten. Unglaublich - aber wahr!<br /> <br /> <br /> <br />
D
Dazu fällt mir nichts mehr ein.<br /> <br /> Man wünscht einem Menschen eigentlich nicht den Tod.<br /> Aber bei dem konnte man echt nur froh sein.<br /> Der hat sich eh Zeit gelassen, aber der Deibel wollte<br /> ihn wahrscheinlich nicht mal.
Antworten
K
<br /> <br /> Ja, das haben mehr gesagt, die ihn kennenlernen durften. Wahrscheinlich spuckt ihn sogar die Hölle wieder aus <br /> <br /> <br /> <br />
P
Deine deutsche Verwandtschaft scheint ja eine üble Truppe zu sein :-(
Antworten
K
<br /> <br /> Meine mongolische Verwandten waren auch nicht viel besser, die wollten mich vergiften. Wer mein Buch gelesen hat, weiß ja, wie es mir gelungen ist, dem zu entkommen.<br /> <br /> <br /> <br />
H
Äh? Da wäre ich auch nie drauf gekommen!<br /> Ich hätte vermutet, er hätte Wissen wollen wann du mit der Arbeit fertig bist?<br /> Ausdrücke gibt es…!<br /> <br /> Ich denke dein Vater hatte wahrhaftig nicht mehr alle Beisammen.<br /> Möchte zu gerne Wissen, ob er, da wo er jetzt ist, merkt wie er sich verhalten hat?
Antworten
K
<br /> <br /> Ich denke, er hat es die letzten Wochen am eigenen Leib erfahren: Die Nachbarn tuscheln ja und haben mir erzählt, dass sie ihn quietschfidel noch im Oktober mit ihm gesprochen hatten und dann<br /> plötzlich wurde er ins Krankenhaus gebracht - angeblich wegen Krebs. Der Arzt erzählte mir etwas anders: Leberversagen, er sei ganz gelb gewesen, als er eingeliefert wurde. Dann wurde er wieder<br /> entlassen - und eine Woche später starb er. Eine Obduktion ist nicht mehr möglich, weil er ganz schnell verbrannt wurde. Da wurden Aussegnung und Urnenbeisetzung zusammengelegt - alle in der<br /> Friedhofsverwaltung wunderten sich: "So etwas hatten wir noch nie!" Sollten einige Erben "nachgeholfen" haben - irgendwann werden sie bestraft werden. Das nennt sich dann ausgleichende<br /> Gerechtigkeit <br /> <br /> <br /> <br />