Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Gestern am späten Nachmittag kam eine Wandergruppe an meinem Hof vorbei. Alles nur Frauen. Sie wollten in der Dorfkneipe Brotzeit machen, so eine Wanderung macht ja hungrig.
Aber die Dorfkneipe hat für mehrere Wochen geschlossen. Also fragten sie mich, wo es die nächste Wirtschaft gebe. Für den ersten Durst bot ich ihnen Wasser und Saft an. Das nahmen sie gerne an. Wir kamen ins Plaudern.
Auch über die Hygieneskandale in den Kliniken. Da zeigte sich, dass diese Frauengruppe sehr inhomogen war: Da gab es bodenständige Frauen, offensichtlich mit einem medizinischen Beruf. Und dann einen harten Kern, denen war auch schon äußerlich anzusehen, dass sie zur Licht-und-Liebe-Fraktion gehörten.
Eine fing an: "Mir kann so etwas nicht passieren, ich muss nie ins Krankenhaus, weil ich immer den richtigen Schutzengel bei mir habe!"
Eine der anderen Frauen, wie sich später herausstellte, war sie Ärztin, schüttelte den Kopf und murmelte: "Jetzt fängt das schon wieder an!" Dann ging sie zu Pferd und Maulesel und kraulte die beiden.
Sie sollte recht behalten: Jetzt fingen die anderen Frauen von der L&L-Fraktion an, sich gegenseitig zu übertrumpfen:
"Mich beschützt immer der Erzengel Raphael!"
"Ich esse täglich Vitaminpillen von Dr. Rath!"
"Ich mache täglich Yoga, ich werde nie krank!"
Usw.
Die anderen Frauen gingen dann auch zur Koppel, die Licht & Liebe Anhängerinnen saßen dann alleine, aber das merkten sie gar nicht. Nur ihre Diskussion wurde immer schriller und lauter. Ich nahm Möhren mit und verteilte sie an die Frauen. Dann führte ich ein paar Kunststückchen vor, und die Frauen durften die Equiden belohnen. Es kam eine gute Stimmung auf. Eine der Frauen sagte zu mir: "Mit denen da," und dabei zeigte sie auf die gackernde L&L-Gruppe, "haben wir nichts zu tun!" Das hatte ich mir schon gedacht.
Die Ärztin fragte mich, was ich so bei kranken Tieren und Menschen mache? "Auf keinen Fall Heilgesänge!" Da mussten alle lachen. Und dann erzählte ich einige Erlebnisse. Da meinte die Ärztin: "Endlich mal jemand, die ihre Grenzen kennt!" Da fühlte ich mich richtig geadelt.
Da hatten die L&L-Frauen endlich gemerkt, dass sie alleine saßen. Sie standen auf und wollten auch zur Koppel. "Vorsicht! Sie kommen!" flüsterte eine der anderen Frauen. Die Ärztin sagte dann: "Mädels, wir müssen weiter!" Einige fragten nach Flyern zu meinem Buch, ich verteilte fleißig. Ein paar wollten mein Buch gleich kaufen. Die Ärztin auch. Auch einige von der L&L-Fraktion. Als sie "Schamanin" lasen, griffen sie gierig zu. Die Gruppe zog weiter.
Heute abends rief mich die Ärztin an, bedankte sich bei mir und erzählte, dass sie zu Hause gleich zu lesen angefangen hatte. Sie war bis zum Kapitel über "Shao" gekommen. Sie stellte sich dann vor, wie die L&L-Fraktion über dieses Kapitel denkt. Wir lachten beide.
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