Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Heute früh um vier Uhr weckte mich Riffel - mein treuer Wolfsmix. Sie kratzte an der Tür. Zuerst dachte ich, sie muss mal. Schließlich ist sie nicht mehr die Jüngste. Aber nein. Sie wollte mich auf etwas aufmerksam machen:
Da unten hörte ich einen riesigen Traktor wullern - mit Festbeleuchtung. Manche Bauern haben wirklich ein Rad ab, dachte ich mir. Dann sah ich eine Gestalt hin- und hergehen - aha, ein alter Jungbauer. Klar, das dem nachts langweilig ist - der Arme hat ja keine Frau abbekommen.
Dann hörte ich Geräusche von einer ziemlich großen Pumpe. Und dann leuchtete der alte Jungbauer seinen Anhänger ab - es strahlte gelb - also ein riesiger Tankwagen mit fast 20.000 Liter. Damit fahren die Eigner von Biogasanlagen ihre Gülle spazieren.
Was macht er da früh in der Nacht? Soll das etwa niemand sehen? Mir ist ja bekannt, dass oft die Gülle aus den Biogasanlagen keine Gülle im herkömmlichen Sinn ist. Soll ich gleich runterlaufen und nachsehen?
Ich hatte einen Verdacht: Wahrscheinlich ist bei dieser Brühe der pH-Wert wieder einmal aus dem Ruder gelaufen! Und jetzt darf sie nicht auf die Felder ausgebracht werden. Dann schaue ich halt am Tag mal nach.
Dann nach dem Frühstück eichte ich mein pH-Messgerät. So ein Gerät verwende ich, um den pH-Wert des Urins von kranken Tieren zu messen. Da kann ich einige Krankheiten erkennen.
Also marschierten wir los, mein Bär, Riffel und ich. Zu einem riesigen Becken - aus ziemlichen alten Beton. Das war randvoll gefüllt mit einer verdickten Gülle, rabenschwarz! Dann nahm ich eine Probe: 11,5 pH! Hmm, das kann der Jungbauer glatt als Backofenspray nehmen. Oder als Rohrreiniger.
Und so etwas wird auf die Äcker ausgebracht! Und diese Brühe dringt dann ins Grundwasser und irgendwann ins Tiefenwasser. Und daraus nimmt dann die Fernwasserversorgung ihr sogenanntes "Trinkwasser"! Prost, Mahlzeit!
Da ist mir klar, dass diese verlaugte Brühe zwischengelagert muss. Aber was passiert dann mit ihr? Irgendwann landet diese Lauge auf einem Acker. Dünger ist das wohl kaum.
Und da wabert jetzt eine stark alkalische Giftbrühe in einem riesigen Betonbecken - das ist etwas alt, der Beton brüchig. Schwache Laugen greifen Beton nicht an, aber stark alkalische Flüssigkeiten zerstören die Zementmatrix, da bilden sich lösliche Natriumsilikate und Aluminate.
Und diese Giftbrühe dringt ins Erdreich. Und fließt damit ins Dorf. Soll ich mich da einmischen? Vorerst nicht, mein Hof liegt ja oberhalb dieser Giftbrühe. Sobald er aber anfängt, diese Giftbrühe in der Nähe meines Hofes auszubringen, schreie ich Alarm!
Und so schaut ein vorschriftsmäßiger Behälte für Biogasgülle aus:
Jedenfalls ganz anders als das Becken des alten Jungbauern aus fossilem Beton.