Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Heute beim Einkaufen begegnete mir eine Bekannte, eine Träne kullerte über ihre Wange. Sie sah sehr traurig aus.
Ich wartete extra, bis sie ihren Einkaufswagen zurückgebracht hatte und sprach sie an. Da erzählte sie mir:
"Meine Oma ist an Krebs erkrankt! Und heute sprach mich dazu eine Nachbarin an, die meinte, das komme daher, weil meine Oma nicht in Harmonie lebe."
"Das ist ja wohl eine Frechheit!"
"Ja, solche Sprüche machen mich fertig. Das hört sich ja an, als sei meine Oma selbst schuld, dass sie Krebs bekommen hat."
"Genau! Anstatt zu trösten kommt die dann mit Vorwürfen!"
"Ja, und dann hat sie noch eins draufgesetzt und gesagt, das sei wie bei den HIV-Kranken. Weil die gegen Gottes Gebote verstoßen haben, werden sie schwer krank! Sind solche Leute nicht schrecklich?"
"Solche Leute sind so etwas von dumm! An Aids kann jede von uns sich anstecken. Ein solches Risiko besteht bei jeder Bluttransfusion. Aber das weiß diese Frau wohl nicht."
"Aber andere denken auch so. Ich ging eine Zeitlang zu einem esoterischen Stammtisch. Da habe ich vom Krebs meiner Oma erzählt. Da fingen auch die meisten an, das liege wohl daran, dass meine Oma nicht in Harmonie lebe. Eine hat dann spitz gemeint, dass meine Oma mit einem Mann in wilder Ehe lebt."
"Na und? Das ist doch ihre Sache. Das geht keinen anderen etwas an. Deshalb lebt sie ja nicht in Disharmonie! Wahrscheinlich deshalb sehr harmonisch!"
"Na, jedenfalls gehe ich nicht mehr zu diesem Stammtisch. Wieso machst du nicht einen Stammtisch auf?"
"Ich will dir mal etwas sagen: Um genau solche blöden und überflüssigen Diskussionen zu vermeiden, mache ich keinen Stammtisch." Und lachte. Es dauerte etwas, und sie lachte auch.
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