Gestern am späten Nachmittag kam eine befreundete Lektorin vorbei, sie war auf der Buchmesse in Frankfurt gewesen. Und sie hatte mir ein Buch mitgebracht. "Die Sterblichen" von Yiyun Li.
"Das ist ein schonungsloses Buch über das heutige China, das musst Du lesen!"
"Und was ist so schonungslos?"
"Hast Du gewusst, dass die Eltern von Hingerichteten die Kugel bezahlen müssen?"
"Nein, das habe ich bei China nicht gewusst, aber vielleicht haben sich die Chinesen das vom Königreich Jugoslawien abgeschaut. Wenn da die Gendarmerie jemand erschossen hatte, musste die Familie für die Munition aufkommen."
"Das ist ja abscheulich!"
"Auch nicht anders, als die Kirchen zu Zeiten der Inquisition. Die hatten ja richtige Preislisten für die jeweiligen Folterarten. Da gab es dann eine richtige Rechnung, die dann der Familie der Verbrannten zugestellt wurde. Und die musste auch bezahlt werden. Da kannte die Kirche kein Pardon."
"Es gibt nichts Schlimmeres als Menschen ..." murmelte sie. Ich merkte, dass sie harte Tage hinter sich hatte und sie wollte schon anfangen zu weinen. Da fragte ich sie, um abzulenken: "Worum geht es in diesem Buch?"
"Um einen hochintellektuellen Lehrer Gu und seine Tochter Shan, die hingerichtet werden soll. Und der eigentliche Grund für diese Hinrichtung ist kein Verbrechen, das Shan begangen hat, nein, es sind ihre Nieren. Auf die wartet ein hoher Parteifunktionär."
"Ja, das ist gängige Praxis in China. Da hat mal ein BBC-Redakteur recherchiert und sich als Sohn eines nierenkranken Vaters ausgegeben. Er hat vorgespielt, dass er eine passende Niere für seinen Vater sucht. Er bekam Kontakt mit einem Arzt und er fragte ihn, ob denn immer genügend Nieren vorhanden seien. Der Arzt lächelte dann und meinte, falls keine Nieren vorrätig ist, gibt es eine Hinrichtung. Das ist das System China."
"Ja, und sie schreibt, dass der noch lebenden Shan die Nieren rausgeschnitten werden, bevor sie erschossen wird. Das ist doch so etwas von brutal."
"Leider. Aber das ist das System China, mit dem so viele Länder Geschäfte machen. Weißt Du, ich habe in meiner Kindheit in der Steppe viel mitbekommen. Mein Ziehonkel sagte mir mal einen Spruch: Trau einem Chinesen und Du wirst verwesen!"
"Das klingt hart. Mit chinesischen Händlern hat wohl niemand gern Geschäfte gemacht?"
Dann schwiegen wir beide. Meine Freundin war zu sehr mitgenommen, mir kamen frühe Erinnerungen hoch.
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