Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Heute abend rief mich jemand aus der Schweiz an und wir kamen ins Plaudern. Er meinte, er freue sich schon auf 2014, auf die Olympischen Winterspiele. Ich habe da meine Zweifel, das Klima in Sotschi ist doch eher subtropisch. Vielleicht oben auf den Bergen gibt es Schnee.
Nach dem Gespräch - da plötzlich - hatte ich wieder eine Szene vor Augen: Sie hatte mit meinem jüngst verstorbenen Vater zu tun: Er war als Entwicklungschef der Adlerwerke in Bielefeld zur Leipziger Messe - oder hieß sie da noch Muster Messe? - eingeladen worden - und durfte als Westler in die DDR reisen.
Ja, und als die Messe längst vorüber war, kam mein Vater nicht nach Detmold nach Hause. Meine Stiefmutter weinte die ganze Zeit und jammerte: "Da muss etwas passiert sein!" Ich habe ihn nicht vermisst. Im Gegenteil. Er hatte die blöde Angewohnheit, mir seine Schlappen um die Ohren zu schlagen. Nicht nur einmal blutete ich aus den Ohren.
Nach drei Wochen plötzlich war er wieder da, braun gebrannt und fröhlich vor sich hinpfeifend, meine Stiefmutter hörte auf zu flennen. Er zeigte auf seine große Reisetasche und sagte im Befehlston zu mir: "Trage mein Gepäck nach oben in meinen Spind!"
Aha, der Herr des Hauses ist wieder da - militärisch stramm! Also packte ich seine Reisetasche und schleppte sie nach oben. Da rieselte doch Sand heraus. Und was für ein komischer Papierzipfel ragte aus der Seitentasche?
Ich zog daran - es war ein Flugticket, von der Aeroflot, nach Sotschi. Ja, Sotschi, dem Kurort auf der Halbinsel Krim, sehr beliebt bei den Russen. Ich grübelte: Wieso durfte Vatern nach Sotschi fliegen? Als Westler?
Heute weiß ich es. Einmal hatte er Besuch von einem Neffen, der war bei der Bundeswehr, Ausbilder für eine unbemannte Drohne. Und ich beobschtete die beiden, wie sie riesige Blaupausen über einen Tisch ausbreiteten und dann fotografierte Vatern die Pläne ab. "Geheim Stufe III" stand da drauf. Was wollte er mit den Fotos? Mein Vater - ein Spion?
Und Jahre später - da durfte er nach Sotschi fahren? Seltsam geheimnisvoll! Und ich erinnerte mich an diese Szene, die mir bereits bekannt vorkam, ich hatte sie schon gesehen - in der Lubjanka, als ich Opfer einer Gehirnwäsche wurde. Wer mein Buch kennt, kennt vielleicht die Szene, ziemlich am Ende des Buches - kurz bevor ich in den Westen verfrachtet wurde ...
Energie für Olympia 2014 in Russland | Global Ideas