Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Sabiene hat in ihrem Blog ein Video im Artikel "Surviving Auschwitz" veröffentlicht.
Als ich mir das Video ansah, lief es mir eiskalt den Rücken runter. Mir wurde wieder bewusst, was für einen Vater ich habe. Einen deutschen. Und einen, der heute noch stolz darauf ist, dass er im II. Weltkrieg einst bei der Entwicklung der V2-Rakete dabei war.
Ja, er ist auch heute noch stolz darauf, dass mit der V2-Rakete in England viele Zivilisten getötet wurden. Sicher, es herrschte ein Ausnahmezustand, es war Krieg. Aber dass ein Mensch in hohem Alter - er wird bald 93 Jahre alt - immer noch stolz darauf ist, mitgeholfen zu haben, um Menschen zu töten, das kann ich nicht nachvollziehen.
Gewiss, ich wurde sehr früh mit dem Töten konfrontiert. Ich meine das Töten von Menschen. Wer mein Buch kennt, weiß sicher, was ich meine. Einmal wollte ein Dieb mein Pony stehlen. Ich allein in der Steppe wäre dann verloren gewesen, also hieß es: er oder ich. Also schoss ich und traf. Aus Notwehr.
Das andere Mal wollte mich ein besoffener Oberst erschießen, aus verletzter Eitelkeit und aus Spaß. Zur Verteidigung gab er mir eine Pistole, bei der er vorher den Sicherungshebel umgelegt hatte. Zum Glück hatte ich das gemerkt. Wieder hieß es: Er oder ich! Wieder verteidigte ich mein Leben und erschoss den Oberst - aus Notwehr.
Glücklich war ich nicht. Vor allem nicht bei dem Oberst. Ich hatte einen Oberst erschossen! Und ich bekam es mit der Angst zu tun, was würden sie Russen mit mir anstellen? Ich hatte Glück.
Doch zurück zu meinem Vater. Ich kann nichts dafür, was für einen Vater ich habe. Einmal hatte ich einen Menschen zu Besuch, der hatte sich auf Rückführungen spezialisiert. Und er warf mir vor, mein Problem sei, dass ich meinen Vater nicht liebe.
Nein, das ist nicht mein Problem. Wie kann ich meinen Vater lieben, der stolz darauf ist, am Tod von Menschen mitverantwortlich zu sein und heute noch darauf stolz ist. Nein, solche Menschen kann ich nicht lieben.
Und vor Jahren erfuhr ich, dass er seine eigene Schwester schwängerte, sie brachte einen Sohn zur Welt. Sozusagen für mich ein Halbbruder und Cousin zugleich. Was für eine surreale Situation für mich. Nein, so einen Vater kann ich nicht lieben. Ich akzeptiere, dass er mein Vater ist. Was er angestellt hat, das ist allein seine Angelegenheit. Damit habe ich nichts zu tun.
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