Heute rief mich ein früherer Kunde an, er ist weggezogen, hält jedoch immer noch Kontakt. Ich merkte gleich an seiner Stimme, dass ihn etwas sehr bedrückt: Er macht sich Sorgen um seine Tochter, sie ist Mitte zwanzig und promoviert gerade. Sie hat eine Assistentenstelle an der Uni. Bislang war sie sehr zielstrebig. Aber auf einmal mag sie nicht mehr. Sie fühlt sich einfach überlastet.
Da bat er mich, mit seiner Tochter zu sprechen. Naja, ich kannte seine Tochter vom Reiten her, das ist zwar eine Weile her, aber ich kann es ja mal versuchen.
Also rief ich sie an. Ihre Stimme war sehr fahrig, sie wirkte sehr, sehr hektisch. Wir unterhielten uns erst über alte Zeiten, wärmten alte Reiterlebnisse auf, langsam kam sie ins Lachen. Und dann ging es plötzlich wie ein Wasserfall, sie redete und redete, über ihr jetziges Leben und was ihr am meisten zu schaffen macht.
Seit einem Jahr ist sie mit einem Studenten zusammen, der ist ein Jahr jünger als sie und er steht vor dem Diplom. Aber plötzlich mag er nicht mehr weitermachen. Und wenn sie geschafft von ihrer Arbeit an der Uni nach Hause kommt, da erwartet er allen Ernstes, dass sie ihn bekocht und ihm auch die Wäsche macht. Er selbst rührt keinen Finger, ein Pascha eben.
Und wenn sie dann jammert, dass sie das alles nicht schafft, vor allem jetzt, wo sie an ihrer Doktorarbeit schreibt, da sagt er zu ihr, das bräuchte sie doch alles nicht, er würde aussteigen, irgendwohin ziehen, wo es ganz billig ist und dort als Selbstversorger leben. Wenn sie wolle, könne sie mitkommen.
Mir stand er Mund offen: Wieder so ein Verrückter! Die junge Frau hat sich schon belabern lassen, das hört sich ja alles so toll an, was er vorhat: Eigene Tiere halten, eigenes Gemüse anbauen, selber ernten usw.
Ich fragte sie: "Und wovon wollt ihr leben? Ohne Geld!" Sie erstaunt: "Ja, Du hast doch als Nomadin auch so gelebt!" Ich: "Nein, habe ich nicht. Ich musste einiges verkaufen, z. B. die Felle von erlegtem Wild, um im Basar was Notwendiges einzukaufen, z. B. ein Messer, Gerste oder Tee."
Und dann fragte ich sie nach praktischen Dingen aus. Da stellte sich heraus, dass ihr Pascha und sie letztes Jahr Urlaub auf dem Bauernhof in Oberbayern gewonnen hatten, das habe ihnen sehr gefallen. Und so sei ihrem Freund die (Schnaps-)Idee gekommen mit dem Aussteigen.
Ich redete dann auf sie ein, dass sie all die Jahre nicht wegwerfen sollte und dass sie auf alle Fälle ihren Doktor macht. Dann erzählte ich ihr, dass mir mein Diplom mal das Leben gerettet hat, denn ohne Diplom hätte ich keinen Job am Landesamt und damit keinen Amtsausweis bekommen.
Sie wurde nachdenklich. Dann meinte sie, sie müsse noch mal überlegen. Ich fragte sie: "Und wie läuft es bei euch im Bett?" Sie: "Seit einiger Zeit geht da gar nichts mehr ... er trinkt sehr viel, meistens Bier und schläft dann ein." Ich: "Mädel, dann hält dich doch nichts mehr! Mach doch folgendes: Er zieht bei dir aus und Du schreibst in aller Ruhe deine Doktorarbeit fertig. Und wenn Du deinen Doktor hast, dann könnt ihr immer noch übers Aussteigen reden." Und ich fügte hinzu: "Im Bett wirst Du ihn ja nicht vermissen."
Sie: "Er hat ja sowieso öfters schon damit gedroht, zurück zu seiner Mama zu ziehen, die würde besser kochen als ich." Ich: "Prima, dann brauchst Du dir um ihn keine Sorgen zu machen!"
Es ging dann noch eine Weile hin und her, dann meinte sie, ja, genau das werde sie machen!
Zwei Stunden später rief sie an: "Geschafft! Er ist weg. Ich habe ihm gesagt, dass er gehen und seine Sachen zusammenpacken soll. Da hat er geguckt wie ein Auto." Ich: "Und dann?" Sie: "Dann hat er seine Mutter angerufen, die kam gleich angerauscht, hat mich böse angefunkelt und ihr Riesenbaby mitgenommen." Dann eine längere Pause: "Kiat, ich fühle mich jetzt schon allein. Hoffentlich war das richtig ..."
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