Vorletztes Wochenende wurde ich von der Besitzerein eines Privatstalls gerufen, ihr Lieblingswallach lahmte, seit Wochen! Der behandelnde Tierarzt gab immer nur Entzündungshemmer, aber davon ging die Lahmheit nicht weg. Typisch, so manche Schulmediziner behandeln nur die Symptome, aber nicht die Ursachen.
Wie der Zufall es will, fand gerade auch ein Praktikum statt, das von angehenden Tierheilpraktikerinnen besucht wurde. Die Kursleiterin kannte ich schon. Ich grüßte sie freundlich und ging zu meinem vierbeinigen Patienten. Bald hatte ich die Ursache für seine Lahmheit gefunden und begann mit der Therapie. So etwas dauert bei mir schon länger, ich lasse mich nicht hetzen und außerdem arbeite ich gründlich. Und wer bei Tieren kribbelig und unruhig wird, hat schon verloren. So ziemlich alle Tiere brauchen Ruhe, vor allem wenn sie krank sind. Menschen übrigens auch, das sind ja auch "nur" Säugetiere.
Als ich mit der Behandlung fertig war, ließ ich den Wallach vortraben, er ging wie ein junger Gott. Darüber war die Reiterin so froh, dass sie mich zu einem Espresso einlud. In ihrer Edelküche thronte eine Riesen-Maschine, schaute ziemlich teuer aus. Aber der fabrizierte Espresso schmeckte lecker. Wir kamen ins Plaudern, da stieß eine der angehenden Tierheilpraktikerinnen dazu und fragte, ob sie auch einen Espresso haben könne. Sie konnte. Dann fragte sie mich etwas schüchtern, ob es stimme, dass ich in der Mongolei aufgewachsen sei. Sie stellte dann die üblichen Fragen, die Leute halt immer stellen und ich gab die üblichen Antworten. Aber dann kam eine neue Frage: "Gibt es da auch Pfarrer?"
Ich staunte, aber gutmütig wie ich meistens bin, antwortete ich: "Mir sind keine begegnet, nur einmal ein Nestorianer, das ist so etwas wie ein Christ." Ihr Mund öffnete sich wie ein nach Luft schnappender Karpfen: "Aber, aber, wie heiraten dann die Leute?" Dann trank sie schnell ihren Espresso aus und verschwand wieder nach draußen. Wahrscheinlich musste sie unbedingt dem ganzen Kurs erzählen, dass in der Mongolei die Leute nicht heiraten können, weil es da keine Pfarrer gibt ...
Die Reiterin und ich sahen uns an und prusteten beide gleichzeitig los. Eigentlich tut mir diese angehende Tierheilpraktikerin mit ihrem sehr beschränkten Weltbild leid. Und die Reitstallbesitzerin meinte trocken: "Die lebt aber in einer sehr kleinen Welt ..."
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Hallo Uli,<br />
das ist eine schöne Zusammenfassung, die du da gegeben hast. Ich bin sehr erstaunt, wie hier alles zusammen passt.<br />
Heute ist mir eingefallen, dass mein Nachbar auch Diabetiker ist und ich habe mir überlegt, ob ich ihn mal probeweise zusammenschlagen soll. Aber der wiegt mindestens das Doppelte von mir. Und das will was heißen ;-)<br />
Außerdem ist er nett.<br />
LG
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Liebe Sabine,<br />
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ich bin zwar nicht Uli, ich finde seinen Beitrag auch sehr schön. Und dass Du deinen Diabetiker-Nachbarn nicht zusammenschlägst, das rechne ich dir hoch an!<br />
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Liebe Grüße, Kiat<br />
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U
Uli
11/13/2008 13:33
Hallo Kiat,<br />
die Geschichten gleichen sich sehr. Unterschiedliche Versionen, aber baugleiche Serie.<br />
Zum einen wird deutlich, daß die "Tante" vermutlich nie im Ausland Urlaub macht, weil "die" ja ganz anders leben. Zum anderen glaubt die vermutlich, nur der Deutsche macht es richtig.<br />
Man müßte sie mal fragen, was einen Deutschen überhaupt "ausmacht"!<br />
Ich selbst bin so oft Ausländer, habe, wenn man mit den Menschen ganz normal umgeht, nie Negatives erlebt.<br />
Manches mal schämte ich mich über das Verhalten meine Landleute! Behandeln fremde Menschen wie Unterrassen!! Die sollen doch alle zu Hause Urlaub machen, damit sie unter ihres Gleichen sind. Für sie gibt es hier genug "schöne" Urlaubsziele, Auschwitz und dergleichen. Nun ist zwar die Vergangenheit nicht mehr neu zu schreiben, doch können wir künftig etwas dazu beitragen, daß sich so etwas nie wieder etabliert!!<br />
Gott sei Dank ist die Jugend nicht so schlecht, wie sie allgemein hingestellt wird.<br />
Mit der Kirche in unserer Fassung lebe ich auf Kriegsfuß. Sie versprechen ein Paradies, irgendwann in weiter Zukunft!<br />
Dies ist so, als wenn ich als Handwerker 100Jahre Garantie gebe, mir das noch bezahlen lasse!<br />
Jetzt, im Hier und Heute ist das Paradies. Dazu können/sollten<br />
wir alle beitragen, ob Juden, Christen, Mosleme oder Diabetiker!;-}<br />
Liebe Grüsse, Uli
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Lieber Uli,<br />
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tja, leider wollen die meisten Deutschen das Ausland genauso vorfinden wie ihr Zuhause. Eine Kundin hat mir mal empört erzählt, dass sie mit ihren Nachbarn gemeinsam in der Türkei Urlaub gemacht<br />
haben. Und da hatten sie anfangs keine nebeneinanderliegende Zimmer. Dabei sind die Frauen es gewohnt, dass sie bei den anderen immer schnell vorbei schauen. Die erste Nacht muss schlimm gewesen<br />
sein, weil die Nachbarn ein paar Bungalows weiter schliefen ...<br />
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Liebe Grüße, Kiat<br />
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S
Sabine
11/13/2008 13:18
Liebe Kiat,<br />
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Nette Familie! Dein Vater hasst vielleicht nicht dich, sondern die versäumte Lernaufgabe, an die du ihn erinnerst.<br />
(naja, ziemlich Psycho, was ich da schreibe.... *g*)<br />
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Ich frage mich, was an Diabetes so verabscheuungswürdig sein soll. Früher, als die Medikamente noch nicht so gut waren, war halt die Kocherei ein bisschen anstrengend, wenn jemand "Zucker" hat. Aber sonst? <br />
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Trotz alledem hat es dein Pa irgendwie in die Mongolei geschafft. Ist ja eine interessante Vita! <br />
Mein Opa flog wohl mehr so in Nordafrika rum. <br />
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Eine verpatzte Generation. Desolates Leben. Orientierungslos in ihrer Moral und Würde. Und die danach hatte es auch nicht viel besser. Eigentlich sollte es uns heutzutage gut gehen....<br />
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LG<br />
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Sabine
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Liebe Sabine,<br />
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mein Vater hat meine Mutter auf der Leipziger Messe seinerzeit getroffen, er hat nämlich in Westdeutschland Industrienähmaschinen gebaut, teilweise mit der Technologie der V2. Daran war der<br />
Ostblock interessiert, also haben sie meine Mutter auf ihn angesetzt. Sie bildete sich ein, als Tochter eines Chans in der Roten Armee General zu werden ... Sie wurde dann schwanger und ging zurück<br />
zu ihrer Sippe.<br />
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Zwei Jahre später präsentierte der Ostblock baugleiche Maschinen, das war dann für Väterchen peinlich...<br />
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Liebe Grüße, Kiat<br />
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S
Sabine
11/12/2008 22:39
Hallo Kiat,<br />
ich hätte nicht gedacht, dass man als Diabetiker auch schon zur Unrasse zählt! Das war ziemlich schmerzlich für dich. Ich habe so einen Vergasungsspruch mal von der Mutter eines schwerbehinderten Jungen erzählt bekommen, die sich dies in einem großen Krankenhaus im damaligen Ost-Berlin von dem behandelnden Professor anhören musste. Auch in den 80ern. Nicht 50 Jahre davor.<br />
Hätte ich damals meiner Bettnachbarin erzählt, dass der Großvater aus meiner väterlichen Linie ein Nazi und Kriegsverbrecher war, wäre unser gemütliches Gespräch vielleicht fortgesetzt worden, wer weiß.<br />
Aber man kann ja verzichten... ;-)<br />
Sabine
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Liebe Sabine,<br />
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das ist ja auch das "Problem" meines deutschen Vaters, er hat drei "körperbehinderte" Kinder, zwei Mädchen, beide Diabetes, eines lebt nicht mehr und einen Sohn, der hat sich im Suff seinen Arm<br />
kaputt gefahren. Das trifft ihn sehr schwer, als Obernationalsozialist. Im II. Weltkrieg hat er nämlich in Peenemünde bei der Entwicklung der V2-Rakete mitgewirkt. Er weiß über viele Geheimprojekte<br />
de SS Bescheid. Aber dass gerade er, der an der Wewelsburg zum "Reichsjunker" ausgebildet werden sollte, behinderte Kinder hat, das ist für ihn ein Makel! Deshalb hasst er mich regelrecht ...<br />
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Ja, das glaube ich dir, wenn Du das von deinem Opa erzählt hättest, dann wärst Du eine "richtige Deutsche" ...<br />
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Liebe Grüße, Kiat<br />
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S
Sabine
11/12/2008 11:05
Ich bin mütterlicherseits jüdischer Abstammung, worauf ich auch stolz bin. <br />
Bei der Geburt meines 1. Kindes hatte ich im Krankenhaus eine Bettnachbarin, mit der ich wirklich gut verstanden habe.<br />
Irgendwann kam unser Gespräch auf Religion und ich erzählte ihr beiläufig von meiner jüdischen Ahnenlinie.<br />
Sie stockte und meinte: "Seid ihr denn dann überhaupt Deutsch?" <br />
Den Rest des Krankenhausaufenthaltes hat sie kein Wort mehr mit mir gesprochen und ich hatte das Gefühl, noch nie in meinem Leben so enttäuscht worden zu sein.<br />
Übrigens: mein 1. Kind kam 1988 zur Welt, nicht 1936!<br />
Ich mag übrigens deinen Blog sehr!<br />
Ciao Sabine
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Liebe Sabine,<br />
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auf deine jüdische Abstammung kannst Du mit Recht stolz sein! Was Du von deiner Bettnachbarin im Krankenhaus erzählst, ist leider hierzulande häufig. Die meisten geben zwar nicht zu, dass sie was<br />
gegen Fremde und speziell gegen Juden haben, aber das antisemitische Denken ist versteckt oft vorhanden.<br />
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Ich wurde einmal in einem Reitstall böse zusammengeschlagen. Grund: Ein Reitmädchen hat in meiner Abwesenheit meinen Rucksack durchwühlt und meinen Behindertenausweis gefunden, ich bin<br />
Diabetikerin. Und die Tochter des Reitstallbesitzers schrie: "So was wie Du ist bei Hitler vergast worden!"<br />
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Obwohl ich eine Woche im Krankenhaus lag und Strafanzeige gestellt hatte, wurde ich nie dazu von der Polizei vernommen. Es kam zu keinem Ermittlungsverfahren. Das Ganze wurde einfach<br />
niedergebügelt. Unglaublich aber wahr.<br />
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Liebe Grüße, Kiat<br />
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