Nach der Amokfahrt des Karst T. aus Huissen wird begonnen, nach den Motiven zu suchen. Für mich ist es doch klar, was in diesem Menschen abgelaufen ist.
Dieser Karst muss ein grundsolider Mensch gewesen sein. Alle seine bisherigen Vermieter loben ihn, weil er seine Miete immer pünktlich gezahlt hat. Karst war "unauffällig", das heißt doch, er hatte kaum Bekannte, keine Freunde. Er bekam so gut wie nie Besuch. Was war sein Lebensinhalt?
Er ging regelmäßig zur Arbeit. Dann wurde ihm gekündigt. Betriebsbedingt, wie es so beschönigend heißt. Der letzte Lebensinhalt für ihn bricht weg. Seine Wohnung kann er sich nicht mehr leisten. Er verändert sich auch äußerlich: Eine neue Frisur, ganz kurz geschnittene Haare. Er wird mürrisch und hasserfüllt. Hass auf seine Umwelt, auf andere Menschen, denen es besser geht als ihm. Dabei war immer ein braver Bürger. Und als Dank dafür schmeißt ihn die Gesellschaft jetzt in die Gosse. So oder ähnlich wird Karst gedacht und gefühlt haben.
Er hatte offenbar niemanden, mit dem er sprechen konnte. Über seine Hassgedanken und über seine Gefühle der Wut.
Neue Mieter kommen, um sich seine Wohnung anzusehen. Er muss raus. Wohin? Er hat keine Freundin, keinen Partner, ein sehr einsamer Mensch. Was soll aus ihm werden? Muss er auf der Straße landen?
Und dann sieht er, wie der Königinnen-Tag vorbereitet und gefeiert wird? Er fokussiert seinen Hass auf die Menschen, die an diesem Ereignis teilnehmen. Und dann fährt er los, ohne Rücksicht auf Menschen. Er will Zeichen setzen, ein Zeichen dafür, dass es sich nicht mehr lohnt, in dieser Gesellschaft zu leben. Und er will selbst nicht mehr in dieser Gesellschaft leben und lenkt seinen Suzuki gegen ein Denkmal.
Wenn jetzt da Spuren von Haschisch in seiner Wohnung angeblich gefunden wurden, das ist jetzt ein untauglicher Versuch, ihn nachträglich als Junkie abzustempeln. Bei der Suche nach dem Motiv von Karst ging bisher niemand auf die gesellschaftlichen Verwerfungen ein, die von den globalen Finanz- und Wirtschaftskrisen ausgelöst wurden.
Warum nicht? Weil die politisch Verantworlichen das nicht wollen, sie wollen nicht daran erinnert werden, dass weltweit immer mehr Menschen verzweifelt sind, dass die Schere zwischen wenigen Superreichen und immer mehr Armen sich immer weiter öffnet. Solche Themen sind Tabu!
Dieser Karst hätte bestimmt nicht seine Amokfahrt gestartet, hätte er sein kleinbürgerliches Leben weiter leben können. Und auch die Opfer könnten noch leben. Aber ihm drohte der soziale Abstieg ins soziale Nichts. Ich billige sein Verhalten nicht, aber mir scheint es logisch, wie er reagiert hat.
Was ist, wenn immer mehr Menschen so reagieren wie Karst? Mit dem Fortschreiten der wirtschaftlichen Krisen entsteht bei vielen Menschen immer mehr Frust und Wut. Das macht unberechenbar. Was tun dagegen?
Für mich bestünde die Lösung darin, wieder für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen, so dass niemand Angst haben muss, ins soziale Nichts zu fallen.
Geschieht hier nichts, dann werden sich solche traurigen Vorfälle häufen. Unsere "Zivilisation" ist ja so anfällig gegen solche Verzweiflungstaten.
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