Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Gestern kam ein Mann vorbei, es stellte sich heraus, dass er mein Buch gelesen und Fragen dazu hat.
Wir unterhielten uns zunächst über Gott und die Welt. Da er eine gute Ausstrahlung hatte, duzten wir uns. Dann rückte er mit seiner Frage raus: "Du hast an einer Stelle vom Zettelschlucken geschrieben, was ist das denn?"
"Da schreibt der Schamane einen Spruch auf Papier, das muss dann der Kranke runterschlucken."
"Und hilft das wirklich?"
"Ja, wenn der Kranke daran glaubt, dann kann es helfen."
"Also ist das nur der Placebo-Effekt."
"Nicht unbedingt. Bei den meisten Heilungen geht es darum, die Selbstheilungskräfte anzustoßen. Und das kann auch mit dem Schlucken eines Zettels geschehen. Der Kranke denkt (unbewusst) darüber nach, ist vom Schamanen überzeugt. Und jeder Gedanke erzeugt ja Veränderungen in unserem Gehirn, auch das Anstoßen der Selbstheilungskräfte. Das kannst du mit vielen Mitteln erreichen: Töne von Klangschalen, Homöopathie, Musik usw."
"Und was ist, wenn sich der Kranke mit dem Zettel verschluckt?"
"Tja, die Schamanen haben es da einfach. Sie sagen dann: die Dämonen waren dann stärker als der Schamane. Aber allzu oft darf er das auch nicht sagen, weil dann die Sippe nicht mehr an ihn glaubt. Für solche Fälle haben viele Schamanen Taschenspielertricks auf Lager, du hast ja mein Buch gelesen, da weißt du, was ich meine."
"Ja, das Schamanenduell. Ist das wirklich passiert?"
"Leider ja."
"Ich habe mal in einem Film gesehen, wie ein Schamane einen Schluck Alkohol genommen hat und den dann dem Kranken ins Gesicht spuckte."
"Bei uns war es gegorene Stutenmilch. Ich fand das widerlich. Aber meistens hat es geholfen. Das funktioniert dann genauso."
"Wenn also die Schulmedizin verächtlich vom Placebo-Effekt spricht, dann ist das falsch?"
"Bei jeder erfolgreichen Heilung ist wichtig, dass du als Kranker zum Heiler oder Arzt Vertrauen hast. Und Vertrauen baut sich im Gespräch auf. Wenn du zum Beispiel zu einem (guten) Heilpraktiker gehst, der spricht mit dir, lange und fragt dich über deine Beschwerden aus. So gewinnst du Vertrauen.
Dann kam er mit der eigentlichen Frage heraus: "Ich habe an den Ellenbogen Schuppenflechte. Bisher hat nichts geholfen. Behandelst du auch Schuppenflechte?"
"Lass mal sehen." Ich schaute mir die Psoriasis an. "Moment mal, ich bereite dir ein Tropfflässchen. Da gibst du nach Bedarf ein paar Tropfen auf die Stellen und verreibst sie sanft. Und gib mir Bescheid, wie es wirkt. Probier es gleich hier aus." Das machte er und wir unterhielten uns weiter. Nach einer halben Stunde fragte ich ihn: "Und wie geht es deinen juckenden Stellen?"
"Du, die spüre ich gar nicht mehr? Unglaublich!"
"Dann nimm das Fläschen mit und immer nach Bedarf verreibst du ein paar Tropfen. Und wenn du mehr brauchst, ruf halt an oder komm vorbei."
Heute früh klingelte das Telefon. Die Schuppenflechte war dran: "Ich wollte dir nur sagen, dass ich mich heute nacht überhaupt nicht gekratzt habe! Vielen, vielen Dank!"
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