Tagebuch einer Schamanin, aufgewachsen in der mongolischen Steppe bei Nomaden, Vater deutsch, Mutter Mongolin.
Heute erzählte mir eine Kundin von einer Schwänin, die vor der spiegelnden Scheibe eines Ladens sich niederlässt und dann sehr lange ihr Spiegelbild beobachtet.
Da fiel mir meine Eselstute Miriam ein, die vor über zwei Jahren von bösen Menschen vergiftet wurde und daran jämmerlich erstickte.
Ich erinnerte mich, dass ich einmal mit Miriam in einer Reithalle war, da gab es an der Seite über der Bande große Spiegel. Miriam sah ihr Spiegelbild und hauchte. Sie erwartete, dass ihr Gegenüber von Esel auch hauchte. Aber kein Hauchen war zu hören. Etwa eine Viertelstunde versuchte es Miriam, dann stand für sie fest, das ist eine blöde Eselin! Und sie würdigte ihrem Spiegelbild keinen Blick mehr.
Zwei Tage später machte ich mit Tiger und Miriam einen Besuch, da gab es auch eine Eselin, Wilma. Die machte Tiger schöne Augen. Das ging natürlich nicht! Miriam ging auf Wilma los: Das ist mein Tiger! Und verdrosch Wilma. Aha, kein Spiegelbild.
Auf dem Heimritt kamen wir an an einer Koppel vorbei, da stand auch eine Maultierstute. Die war ziemlich hochnäsig. Wie ihre Menschen. Sie erzählten, dass sie viel Geld für ihr Muli bezahlt hatten. Da stieß mich mein Bär an und zeigte auf ein Zeichen auf der linken Schulter und grinste. Ich musste auch grinsen: Dieses Zeichen stand dafür, dass das Muli ausgemustert worden war, wahrscheinlich für den Verkauf an dumme deutsche Kunden ...
Miriam sah erfreut das Muli, hauchte, aber das Muli dachte gar nicht zu antworten. Gut, wenn du nicht willst, dachte sich Miriam und wollte weiter.
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