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13. September 2009 7 13 /09 /September /2009 12:52
Bisher galt die Frankfurter Buchmesse als Ort, an dem auch regimekritische Literatur ihren Platz fand. Seit 2009 wohl nicht mehr. Da wurde die Volksrepublik China zum Gastland für die diesjährige Buchmesse ernannt.

Weshalb gerade China? Geht es den Verantwortlichen gar nicht mehr so sehr um Literatur, sondern mehr um Umsatz und um hohe Besucherzahlen?

Als ich 2007 vom aufbau Verlag auf die Buchmesse eingeladen war, und zwar an einem der Fachbesuchertage, da fiel mir auf, dass da auch viele Schulklassen als "Fachbesucher" zu sehen waren. Ich fuhr mit dem Zug von Nürnberg nach Frankfurt, in Aschaffenburg enterten viele Schulklassen den Zug und wurden in Frankfurt ausgeschüttet. Die meisten Schüler interessierten sich natürlich für Harry Potter.

Ich habe mit einigen langjährigen Fachbesuchern gesprochen, alle waren sehr betrübt über diese Entwicklung. Die Leitung der Buchmesse hat sich dem Diktat "immer mehr" unterworfen, also werden "Besucher" herangeholt, nur um später behaupten zu können: eine Steigerung der Besucherzahlen um ... Prozent.

Lügen sich die Verantwortlichen nicht selbst in die Tasche? Gerade die kleinen Verlage können sich die Frankfurter Buchmesse nicht mehr leisten, und das ist sehr schade!

In diesem Jahr kam es im Vorfeld der Buchmesse zum Eklat. Es fand ein Symposium statt. Als Peking erfuhr, dass zwei "Dissidenten", die Schriftstellerin Dai Qing und ihr exil-chinesischer Kollege Bei Ling auch eingeladen waren, übte Peking so starken Druck aus, dass die beiden wieder ausgeladen wurden.

Da wurde die deutsche Schriftsteller-Vereinigung PEN aktiv, und die beiden wurden wieder eingeladen. Als Dai Qing und Bei Ling das Podium betraten, verließ die gesamte chinesische Delegation zusammen mit ihren mitgebrachten chinesischen Autoren den Saal.

Der frühere chinesische Botschafter, Mei Zhaorong, schleuderte den Journalisten entgegen: "Wir wollen keinen Demokratieunterricht, diese Zeiten sind vorbei!"

Dann entschuldigte sich Jürgen Boos, der Direktor der Buchmesse, bei den Chinesen und die kamen dann wieder zurück. Welch ein komisches Spielchen.

Da dachte ich an das hochgepuschte Buch "Zorn der Wölfe", da wird ja behauptet, der Autor habe sein Buch gegen den Widerstand der allmächtigen KP Chinas veröffentlicht. Wer es glaubt ...

(C) Copyright 2004-2009 by Kiat Gorina, Windsbach. Alle Rechte vorbehalten.

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Kommentare

Ancareen 10/14/2009 08:03


das ist schon alles sehr düster, aber "die Chinesen" - das sind einige Millionen Menschen, hat das alles vielleicht noch eine andere Seite?
Liebe Grüße
Karen


Kiat Gorina 10/14/2009 08:51


Liebe Ancareen,

ich will ja nicht alle Chinesen anprangern, das sind ja über 1,3 Milliarden Menschen. Und vor allem nicht die armen Bauern, denen oft ohne Entschädigung Land für Bauvorhaben weggenommen wird oder
die von Schlägertrupps weggeprügelt werden. Wenn China immer als Land mit den größten wirtschaftlichen Zuwachsraten gelobt wird, dann wird vergessen, dass die allermeisten Gewinne nur an ganz, ganz
wenige verteilt werden. Die Staatsführung, die stets bemüht ist, nach außen hin den Kommunismus hochzuhalten,  praktiziert einen Superkapitalismus, wie er nicht einmal im westlichen
Frühkapitalismus möglich war.

Mein Bär war ja früher beruflich in China, er hat aus dieser Zeit immer noch inoffizielle Kontakte und er weiß, wie Chinesen privat sind. Bei mir ist das etwas anders. In der Steppe wurde ich
geprägt von einer gewissen Feindschaft der Mongolen gegenüber Chinesen. Wenn wir chinesischen Händlern entgegneten, dann hieß es: Bei Chinesen müsst ihr aufpassen, die wollen euch übers Ohr
hauen!

Zurück zur Buchmesse: Ich halte es für einen sehr großen Fehler, ein diktatorisches Land wie China als Gastland einzuladen. Und mit dieser Meinung stehe ich ja nicht allein. Ein so großes Land
hätte es an sich überhaupt nicht nötig, die wenigen Dissidenten abzuweisen. Im Gegenteil, hätten die sehr wenigen "Gegner" ungehindert einreisen und sich an den Diskussionen beteiligen können, ja,
dann hätte jeder sehen können, dass China, genaugenommen die  KP Chinas, sich gewandelt hat.  

So aber zeigt es doch, wie unsicher und überängstlich diese gewaltige Staatsführung sein muss, wenn sie derart gegenüber vereinzelte Dissidenten überreagiert.

Nachdenkliche Grüße, Kiat
 
 


Moira 09/15/2009 18:18

Liebe Kiat!

"Demokratieunterricht brauchen wir nicht...",danke,das genügt.

Hier müßte doch dem verblödesten Bürger auffallen,wohin der Hase läuft.

Aber Geldverdienen ist ja wichtiger:
Erst kommts Fressen,dann die Moral.Unsere sogenannte Elite machts uns ja tagtäglich vor.Wirtschaftembargos gegen Verbrecherstaaten wie China?Vonwegen-da verdient man ja dann weniger.



Und dann wundern die sich,warum die Jugend sich an keinerlei Werte mehr gebunden fühlt.

Hier liegt es an jedem einzelnen:

Produkte,auf denen "Made in China" steht,kaufe ich nicht!Damit verletze ich sie nämlich an der einzigen Stelle,an denen sie verletzbar sind:

An ihrem Geldbeutel,ein Gewissen oder ein Herz haben solche Leute ja nicht (mehr).

Der sogenannte Widerstand der KP gegen den "Zorn der Wölfe" war vermutlich Verkaufstaktik,so wurde Aufmerksamkeit und Interesse weltweit für das Buch geweckt.

Was die KP wirklich nicht auf dem Markt haben will,das kommt auch nicht auf den Markt!
Also,ich kaufe auch keine Bücher von zeitgenössischen,chinesischen Autoren.

Liebe Grüsse von Moira

Kiat Gorina 09/15/2009 20:58


Liebe Moira,

da stimme ich dir voll zu! Die Chinesen machen mit allem Geschäfte! Sogar mit den Organen von Hingerichteten. Ein BBC-Reporter hatte sich ja mal unter diese Organ-Mafia gemischt und herausgefunden,
wenn der Nachschub an bestimmten Organen nicht gewährleistet ist, dann gibt es eben ein paar Hinrichtungen mehr.

Ich habe mal diesen englischen Artikel an eine Leiterin eines Gymnasiums geschickt, das in engem Austausch mit China stand. Ich schlug vor, diesen Artikel für den Englischunterricht zu verwenden.
Da bekam ich eine pampige Antwort. Offenbar habe ich in ein Wespennest gestochen, zumal ein Bundesentwicklungsminister der Vorsitzende eines Vereins zur Förderung der Freundschaft mit China
war.

Als dieser Minster noch in Amt und Würden war, da bekämpfte er noch die Grünen als "verdammte Kommunisten". Welch ein Sinneswandel! Und dann toleriert er den Handel von Organen von
Hingerichteten!

Ich begrüße deinen Boykott von chinesischer Ware! Weiter so! Und hoffen wir, dass sich noch viele anschließen. Und noch mehr werden Chinesen vorgeführt, wenn sie ihr Gesicht verlieren!

Liebe Grüße, Kiat


Stachelturm 09/13/2009 14:40

hallo,

hmm das erklärt das entschuldigen. bohehy ich wär hinterhergelaufen, hätte die tür noch aufgehalten und gefragt ob ich sie zum bahnhof fahren soll.
also bei allem fremden, und respekt und zurückhaltung, gegenüber fremenden und gästen, auch gäste (und die chinesen waren gäste) müßen sich benehmen.

gruß Stachelturm (die mit ihrer kritik bestimmt jetzt einen fettnapf gefunden hat)

Kiat Gorina 09/13/2009 21:01


Liebe Stachelturm,

genau, die Chinesen waren Gäste und sollten sich als Gäste benehmen. Wenn ich deren Verhalten auf meine kleine Welt in der Steppe übertrage, dann wäre es vielleicht so:

Ein muslimischer Würdenträger reitet in ein Lager und wird voller Ehren empfangen. Kurz danach kommt ein ehemaliger Moslem angeritten, er ist jetzt Nestorianer. Der Chan lässt ein Festmahl
zubereiten und lädt beide ein. Da entrüstet sich der Moslem und verlangt vom Chan, dass er den Nestorianer davon jagt.

So etwas wäre damals undenkbar gewesen!

Nachdenkliche Grüße, Kiat


Flora 09/13/2009 14:32

Junge junge da geht ja wieder was los.

Kiat Gorina 09/13/2009 20:47


Liebe Flora,

das kannst Du laut schreiben! Ein Land, das die Organe seiner Gefangenen über den internationalen Handel vertreibt, das wird von der Wirtschaft hofiert! Das gibt es doch nicht!

Traurige Grüße, Kiat


Flora 09/13/2009 13:42

Das mit der Buchmesse in Frankfurt wird ja immer seltsamer !

Kiat Gorina 09/13/2009 14:06


Liebe Flora,

stimmt! Da meinen die Großverleger, sie könnten jetzt China mit ihren Büchern überschwemmen, dabei ist es genau umgekehrt: Die Chinesen wollen jetzt auch die Nummer Eins auf dem internationalen
Buchmarkt werden. Naja, wie das aussehen könnte, haben wir ja beim "Zorn der Wölfe" gesehen.

Liebe Grüße, Kiat


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